Angry Anna #1

Angry Anna #1Warum wir den Schlagermove nicht mehr brauchen!

Hamburg, wir müssen reden. Du weißt, dass ich dich liebe. Mehr als alles andere auf der Welt. Aber es gibt eine Sache, die unser Beziehungsglück trübt. Etwas, das mich schon länger stört, das immer wieder auftaucht – und das jetzt einfach raus muss. Ich mach es kurz und schmerzlos: Was soll das mit dem Schlager und diesem katastrophalen Juli-Wochenende? 

Angry Anna

Anna liebt Hamburg. Und trotzdem gibt es Sachen, die sie an der schönsten Stadt der Welt nicht ganz so schön findet. Hier motzt und kotzt sie regelmäßig ab. 

Der Schlagermove

Hamburgs Antwort auf den Karneval

Seit 1997 verwandelt sich die Reeperbahn jedes Jahr Mitte Juli in eine bunte Feiermeile. Bis zu 350.000 Besucher aus ganz Deutschland kommen, tanzen und feiern auf dem Kiez – und zwar zu Schlager. 

Es ist die umstrittenste Veranstaltung der Stadt, kein anderes Event polarisiert mehr. Denn wenn Tausende durch die Straßen des geliebten St. Paulis ziehen, Hauswände vollpinkeln und meterhohe Müllberge produzieren, ist einfach nicht jeder happy. Wir auch nicht.

St. Pauli – Hauptschauplatz des Schlagermove © Jan Traupe

Fettes Dislike

Obwohl ich eigentlich aus dem Allgäu komme, bin ich jetzt mal so offen, ehrlich und direkt wie die Norddeutschen. Ich sag's gerade heraus: Ich find den Schlagermove richtig kacke! Hier kommen fünf Gründe, warum das so ist. 

Bah!

1. Müll, Müll und nochmal Müll

In einem Stadtteil wie St. Pauli, der so links und umweltbewusst ist wie kaum ein anderer in Hamburg, wird an einem Wochenende mehr Müll produziert als im ganzen restlichen Jahr. Und das von Menschen, die größtenteils nicht mal in unserer Stadt wohnen. Ich kann doch nicht irgendwohin gehen und dort eine riesen Party feiern, bei der es danach aussieht wie auf dem Schlachtfeld. Und komme mir jetzt keiner mit "Ja, aber auf Festivals ist es ja auch nicht anders", denn wenn auf dem Hurricane, Rock am Ring und Rock im Park Tausende Teenies zum ersten Mal in ihrem Leben trichtern und Dosenbier trinken, kann man nicht erwarten, dass sie dabei den Planeten retten. Aber von gestandenen Feierwütigen, von Erwachsenen, wie sie beim Schlagermove sind, da kann man das sehr wohl erwarten. 

Bitte nicht in so hübsche Ecken pinkeln. © Jan Traupe

2. Pipi und Kacka

Es sind aber nicht nur Strohhalme und Plastikbecher, die die Straßen unseres schönen St. Paulis verschmutzen. Hauswände werden zu öffentlichen Toiletten, Eingänge zu Urinalen, Spielplätze zu Klos. Geht's noch? Ja, von Bier muss man oft aufs Klo, schon klar. Aber dann benutzt verdammt nochmal die aufgestellten Dixies. Dieses Jahr gibt's 500 davon, das sollte ja wohl reichen. Und wenn ihr die eklig findet, dann macht euch lieber mal grundlegend Gedanken über diese Veranstaltung und das Publikum. So, Punkt. 

Schlager und St. Pauli, das passt nicht zusammen.

3. Krach und Gepolter

Zwei Tage lang hört ein Viertel, das mit kleinen Clubs und aufstrebenden Bands groß geworden ist, nichts als Schlager. In den Straßen, die für Indiekonzerte, für guten Musikgeschmack und für Stars wie die Beatles bekannt sind, schallt an diesem Wochenende Schlager und Helene Fischer aus den Boxen. Dass das nicht gut ankommt, ist ja logisch. Und ja, Geschmäcker sind verschieden. Aber wieso wird diese Flowerpower-Deutsch-Pop-Parade dann dort gefeiert, wo man das garantiert nicht geil findet?

Sehenswürdigkeit St. Pauli? © Jan Traupe

4. Disneyland "Reeperbahn"

Und hier wären wir auch schon beim nächsten Punkt. Weil St. Pauli und die Reeperbahn einen Marketingwert haben. Weil es doch so cool ist, über die Große Freiheit oder die Davidstraße zu flanieren und einen Blick in die "verbotene" Herbertstraße zu werfen. Dass das aber ein Stadtteil ist, in dem ganz normal gelebt, gearbeitet und gewohnt wird, vergisst man dabei schnell. Mich nervt, dass der Kiez so ausgeschlachtet, ja gemolken wird wie eine stadtplanerische Cash-Cow. 

Manch einer hatte zu viel davon. © Cristina Lopez

5. Besoffkis

Auch, wenn seit Helene Fischer und Vanessa Mai immer mehr junge Menschen Schlager hören (und abfeiern!), sind auf dem Schlagermove auch ganz viele Menschen, die meine Eltern sein könnten. Und wenn Mittvierziger und Rabauken mit bunten Perrücken auf mich zu torkeln, mich anlallen oder mir in der Bahn ihre Fahne entgegen weht, will ich einfach nur noch ganz schnell ganz weit weg. Ich sage nicht, dass man ab einem bestimmten Alter nicht mehr feiern darf, natürlich nicht. Aber manchmal sind ein paar Promille zu viel leider echt unangenehm. 

Hamburg, ich lieb dich trotzdem. © Jan Traupe

Rant over.

Tut mir leid, liebes Hamburg. Das war jetzt ganz schön hart. Aber ich musste das einfach mal loswerden. Ich liebe dich natürlich trotzdem. Vor allem auch, weil das alles ja nicht nur an dir liegt, sondern auch an mir. Ich mag einfach keinen Schlager und alles, was dazu gehört. 

Darum hab ich zum Abschluss auch noch ein paar Spots, an denen ihr am Wochenende garantiert eure Ruhe vor bunten Schlaghosen, herzförmigen Sonnenbrillen und trashigen Blumenketten habt: 

Ab aufs Land!

7 Bauernhöfe in und um Hamburg

Unsplash

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden. 

Anna Paulina Graf

Anna ist unsere kleine Schwäbin. Und das hört man auch, denn selbst nach fast fünf Jahren in Hamburg kann sie noch kein Hochdeutsch. Mit jeder Menge Gratis-Ausflugstipps, ihrem Fahrrad und ganz viel Entdeckerdrang zeigt sie ihren Freunden die Stadt – und jetzt auch euch.