Angry Anna #2

Angry Anna #2Warum lassen wir Kiezkneipen sterben?

Gar nicht mal so lustig, was gerade mit der Lustigen Mamma in der Paul-Roosen-Straße passiert ist: Die urige Eckkneipe hat Ende Juli dicht gemacht. Warum? Ganz einfach – weil wir zu wenig Astra, Holsten und Mexikaner trinken. Und stattdessen lieber zum Highball greifen. Was soll das, liebes Hamburg?

Angry Anna

Anna liebt Hamburg. Und trotzdem gibt es Sachen, die sie an der schönsten Stadt der Welt nicht ganz so schön findet. Hier motzt und kotzt sie regelmäßig ab.

Rettet die Kiezkneipe!

Trinken für den guten Zweck

Die Jungs von "Rettet die Kiezkneipe" wollen dem Kneipensterben ein Ende setzen. Seit anderthalb Jahren steuern sie jeden Monat eine andere vom Aussterben bedrohte Eckkneipe an und trinken dort mit bis zu 50 Leuten. Klingt nach einem Saufgelage, ist in Wahrheit aber eine richtig starke Aktion. Denn diese Abende sichern den Kneipenbetreibern ihr Einkommen. 

Lang lebe die Kiezkneipe!

R.I.P, liebe Eckkneipe.

Ich bin keine Tanzmaus. Wenn ich mir die Nächte um die Ohren schlage, dann an den Tresen der Stadt. Doch wenn es so weitergeht, werden die bald Mangelware. Hamburgs urige Kneipen sind in Gefahr und das ist doch wohl mal richtig kacke! Hier kommen drei Dinge, die unseren Kneipen das Leben schwer machen – und die wir (zumindest teilweise) ändern können: 

Astra & Mexikaner – was sonst?

1. Viel zu viele fancy Cocktails

Kinder, was soll das mit diesen fancy Cocktails für 12,80€? Was ist aus der guten alten Knolle geworden? Eckkneipen mixen nun mal keine Highballs. "Jaja, die sollen sich halt mit verändern, sind sie doch selber schuld, wenn sie dann zumachen müssen", denkt ihr jetzt vielleicht. Ich denke: Cool, die bleiben sich selbst treu und verkaufen Bier für 2€.

Denn sie wollen ein Ort sein, wo man sich mit Freunden treffen und über die Liebe und das Leben philosophieren kann, ohne dabei sein halbes Monatsgehalt auf den Kopf zu hauen. Und wenn dabei doch mal jemand was Stärkeres braucht, zücken sie sofort den selbst gemachten Mexikaner – und der schmeckt uns Hamburgern doch eh am besten, oder?

Wie in alten Zeiten! © Lisa Knauer

2. Immobilienwahnsinn

Eckkneipen müssen schrabbelig sein, mit abgewetzten Polstern und verrauchten Gardinen. Schließlich wurden sie vor Jahrzehnten irgendwann mal eröffnet – und seitdem nicht verändert. Nur ihre Mieten werden meist schön an die Neuzeit angepasst, mit Preiserhöhungen bis zum geht nicht mehr. Liebe Vermieter, habt doch mal ein Herz!

Und auch Investoren ist es relativ wurst, ob sie mit ihren Plänen gerade ein Stück Familien- und Stadtgeschichte killen. Darum werden munter irgendwelche Gebäude abgerissen, in denen seit Jahrzehnten die urigsten Kneipen des Viertels zuhause sind. Das macht mich erst traurig und dann richtig wütend. Es kann doch verdammt noch mal nicht sein, dass hier immer nur irgendwelche schicken Wohnkomplexe hochgezogen werden!

Zusammen trinkt man weniger allein!

3. Nachbarschaft, where are you?

Eckkneipen sind nicht umsonst an der Ecke. Ihre Idee war nämlich, der Mittelpunkt der Nachbarschaft zu sein. Der Ort, an dem sich Helmut und Luise aus dem Dritten mit Gerda und Ulrich aus dem Vierten treffen. Eigentlich ist das auch immer noch der Plan. Nur, dass es keine Nachbarschaft mehr gibt. Oder wisst ihr, wer über euch wohnt? Der einzige Austausch, den wir haben, ist, wenn am Briefkasten ein Zettel mit "Ihr Paket wurde beim Nachbarn abgegeben" hängt. Man ey, das ist doch doof!

Ich weiß, das ist vielleicht ein bisschen viel verlangt: Aber wie wär's, wenn ihr eure Nachbarn als Dankeschön fürs Paketannehmen mal spontan auf ein Bier einladet? Ich bin sicher, die sind dabei! Eigentlich will doch jeder eine schöne Nachbarschaft – aber niemand will den Anfang machen. 

Mehr St. Pauli geht nicht!

PS: Und was ist mit dem Cornern?

Cornern ist ja so eine Sache. "Es lässt die Kneipen sterben", sagen die einen. "Es wird doch wohl noch erlaubt sein, sich draußen zu treffen, wenn hier endlich mal gutes Wetter ist", meinen die anderen. Ich glaube, dass zwischen Kiosk und Kiezkneipe eigentlich gar nicht so ein großer Unterschied besteht: Beide liefern Bier für kleines Geld und 150% Kiezkultur. Wenn ihr auf dem Bordstein also mal kein Platz findet – vielleicht einfach mal in eine der urigen Kiezkaschemmen schauen. Dann habt ihr auch nicht das Problem mit dem Pinkeln, das einen beim Cornern zwangsläufig einholt.

Auf die Rettung der Kiezkneipen!

Wir schaffen das, ok?

Ich hasse Abschiede. Und darum habe ich keinen Bock, all den urigen Kneipen "Lebewohl" zu sagen. Also Freunde – reißen wir uns mal ein bisschen zusammen und trinken das nächste Mal ein Astra und einen Mexikaner anstatt einen Gin mit Kokosblütenextrakt, Chiasamen und Açai! Zum Beispiel in einer der 10 urigen Eckkneipen, die wir bei unseren ASTRA Tresengeschichten auf den Kopf gestellt haben: 

Cristina Lopez

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden. 

Anna Paulina Graf

Anna ist unsere kleine Schwäbin. Und das hört man auch, denn selbst nach fast fünf Jahren in Hamburg kann sie noch kein Hochdeutsch. Mit jeder Menge Gratis-Ausflugstipps, ihrem Fahrrad und ganz viel Entdeckerdrang zeigt sie ihren Freunden die Stadt – und jetzt auch euch.