Bistro Carmagnole

Bistro CarmagnoleAufgetischt! #1 - Französische Bistro-Kultur in der Schanze

Gute französische Küche gibt es nur in Frankreich? Von wegen! Das Carmagnole in der Schanze zeigt wie französische Bistro-Kultur in Deutschland geht und katapultiert einen mit Austern, Tartare und Moules frites direkt in die Straßen von Paris.

AUFGETISCHT!

Woche für Woche nehmen wir an den schönsten Tischen Hamburgs Platz. Wir nehmen Fischköpfe und auch Hühnerfüße in den Mund – nur um euch die kulinarische Vielfalt Hamburgs zu zeigen. Aufgetischt! ist eine Hommage an die Küchen und an die Küchenchefs unserer Stadt. Wir zeigen die Menschen, die hinter einem Teller oder Tresen stehen, genauso wie den Teller und den Tresen an sich. Wir sind hungrig auf Hamburg!

Der Tartare - vielleicht DAS Highlight auf der Karte.

Es ist 18.30 Uhr an einem Dienstagabend. Voller Euphorie stolzieren wir durch die Tür: Kerzenlicht, beschlagene Scheiben und ein angenehmes Gewusel aus Reden, Lachen und französischen Chansons schallen uns entgegen. Es dauert keine Minute und die Atmosphäre hat uns gepackt: Wir sind in Frankreich.

Romantische Stimmung garantiert

Das Carmagnole würde genauso gut in ein wuseliges Viertel mitten in Paris passen. Ein bisschen wirkt es hier, als wäre die Zeit stehen geblieben; als hätten wir eine Zeitreise à la "Midnight in Paris" gemacht. Der Restaurantleiter Camille führt uns zu unserem Platz. Zuvorkommend und freundlich. Das kann doch kein Franzose sein? Ist er auch nicht. Camille heißt übrigens gar nicht Camille, sondern Arno und steht für das franco-allemand Küchenkonzept. Und das funktioniert hier, und wie! Wir bestellen erstmal einen Crémant.

Wer schon einmal in einem französischen Bistro gewesen ist, weiß, dass man hier seinem Tischnachbarn quasi auf dem Schoß sitzt. Hier steht Tisch an Tisch und Stuhl an Stuhl. Das ist gewollt und sorgt für noch mehr Gemütlichkeit. Ein Blick nach rechts? Hach, ein Date. Die Verliebten schlürfen Austern (die sollen die Lust steigern. Aha!) und prosten sich mit einem Apéritif zu. Noch so etwas, was die Franzosen (und Camille) verstanden haben: die Apéritif-Kultur. Auf's Stichwort bringt uns Camille einen "Amour propre", also Selbstliebe. Die besteht aus rotem Wermut, aus Verjus, einem sauren Traubensaft und Kina, ein chininhaltiger Wein-Apéritif. Mit der Selbstliebe klappt es schon mal sehr gut. Und dann gibt's auch schon einen guten Hinweis:

"Irgendwie heißen wir alle Camille.“

Camille

Das Ambiente überzeugt

Denn wer eine Mail an das Carmagnole schreibt, um sich einen der begehrten Tische zu ergattern, wird mit Sicherheit eine Antwort von Camille bekommen. Camille antwortet schnell, der Ton ist herzlich, ja fast freundschaftlich. Camille ist mal eine Frau, mal ein Mann – und genau so soll es auch sein. Sein Name ist ein Pseudonym, welches alle Mitarbeiter benutzen. Ja, auch wir sind darauf reingefallen und haben nach Camille gefragt.

Camille D. heißt eigentlich Camille Desmoulins. Er war französischer Rechtsanwalt und Journalist und einer der Führer der Französischen Revolution. Dass genau dieser Camille den Gästen des Carmagnoles antwortet, hat seinen Grund.

Die rustikalen Tische füllen sich schnell im Carmagnole, auch die Plätze an der Bar sind bald besetzt. Der Barkeeper spricht nur französisch. Oui oui,  hier werden alle Klischees bedient. Schon ploppen die ersten Korken, an den Nachbartischen wird gelacht und getuschelt. Auch die Hamburger lieben das französische Flair und genießen das Savoir-Vivre. Ein freies Plätzchen? Fehlanzeige!

Endlich werfen wir einen Blick auf die Karte: Im Carmagnole isst man Froschschenkel, Schnecken und Käse? Denkste! Natürlich stehen Klassiker wie Moules frites und Entrecôte auf der Karte. Wer auf Muscheln steht, sollte die auch unbedingt probieren. Und dazu ein süffiges Leffe trinken. Das würde auch Camille gefallen. Unsere Muscheln im Weißweinsud sind geschmacklich die Wucht. Ab und zu knirscht es zwar ein bisschen zwischen den Zähnen, dafür ist das Muschelfleisch auf den Punkt gegart.

Camille und Camille

Absolutes Highlight: Der Tartare. Und ja: Es heißt wirklich DER Tartare. Frisch angemachtes rohes Rindfleisch, das mit Kapernäpfeln, Cornichons, Schalotten, Dijon-Senf und Ketchup verfeinert wird. Darauf ist entweder ein rohes Wachtelei, oder aber es wird mit Comté, französischem Hartkäse kurz angebraten. Zum Sattessen, was man eigentlich gar nicht braucht, gibt es geröstetes Brot oder Pommes frites. Leider, leider sind die Pommes zwar nicht selbst gemacht, aber der Tartare macht alles wieder gut.

Die Besitzer Maria Endrich und Alvaro Otey sind mit der Geschichte und Kultur Frankreichs eng verwoben. Franzosen sind sie zwar nicht, aber immer gern nach Frankreich gereist. "Carmagnole" ist übrigens eines der bekanntesten Lieder der Französischen Revolution und soll bei der Enthauptung des französischen Königs Ludwig XVI. und dessen Frau Marie Antoinette gesungen worden sein. Erst danach bekamen die Franzosen erstmals etwas Ordentliches zu essen.

Kaninchenkeule auf Gemüse

© Miesmuscheln en masse

Was wir noch essen? Eine geniale Soupe de Possion, Fischsuppe. Die enthält jede Menge Weißfisch, Paprika und Fenchel. Der Sud ist es aber, der knallt: leicht scharf, gar nicht fischig. Die geschmorte Kaninchenkeule mit einer Dijon-Senfkruste ist zwar etwas trocken, dafür ist die Sauce ein Gedicht; ein bisschen Salz hätte dieser dennoch nicht geschadet. Da kann man als Gast aber easy nachhelfen.

Etwas creepy: An den Toilettentüren hängen die Köpfe der letzten Monarchen. Natürlich als Zeichnungen. Wenn König Ludwig und Marie Antoinette das wüssten...

Soupe de Possion

Créme Brûlée

Der Abend im Carmagnole wäre nicht vollständig, würde man die Créme Brûlée nicht probieren.
So unschuldig sie in ihrem Tonförmchen auch aussehen mag - sie ist alles andere als das. Die Créme Brûlée ist der perfekte Abschluss nach einem saftigen Tartare. Vanillig, cremig, leicht – einfach très bonne.

"Deux Pastis!", wollen wir zum Abschluss haben. Das haben die Verliebten am Nachbarstisch auch gerade bestellt. Und jetzt? Wir wollen noch nicht gehen! Zu gemütlich ist es hier in Montmartre, äh, in der Schanze. Peut-être doch noch was Kleines?

Was auch immer ihr hier bestellen mögt: Wir wünschen Bon Appétit!

  • Wie ist die Stimmung?

    Gemütlich, elegant, Kerzenschein

  • Was sollte man essen?

    Unbedingt den Tartare, die Crème Brûlée und im Frühling/Sommer die Artischocke. Wer auf Muscheln steht, sollte sich Moules frites bestellen!

  • Wer isst hier?

    Das Publikum ist bunt gemischt. Ältere, die Geld haben. Jüngere, die sich was gönnen möchten. Perfekt für ein romantisches Date.

  • Wie viel muss man ausgeben?

    Günstig ist es hier nicht. Dafür gibt es Qualität – und wer sich etwas gönnen möchte, ist hier genau richtig. Etwa 40 Euro pro Person für zwei Gänge und Getränke.

  • Wann sollte man kommen?

    Am besten einen Tisch reservieren. Das geht zwischen 18 und 18.30 Uhr  und wieder ab 20.30 Uhr. Ansonsten muss man warten oder an der Bar essen.

  • Was gibt es noch?

    Für drei Euro pro Stück gibt es eine Auster (wer's mag!), dazu schmeckt ein Glas Crémant. Außerdem hervorragende Cocktails aus ausschließlich französischen Spirituosen. Die kann man direkt an der Bar trinken und von Frankreich träumen.

  • Lieblingskellner?

    Der Restaurantleiter Arno beantwortet jede Frage und weiß, was man essen und trinken sollte.

  • Besonderheiten?

    Stammkunden können sich im Cocktail-Kabinett Cocktails in Flaschen mit ihrem Namen darauf kaufen und bei jedem Besuch davon trinken.

  • Wermutstropfen?

    Die Pommes frites sind leider nicht selbst gemacht.

Unser Fazit

Speis & Trank

Den Laden nicht verlassen, ohne den Tartare (!) zu bestellen – und die anderen französischen Klassiker zu probieren.

Ambiente

Sooo romantisch!

Personal

Très charmant! Unbedingt nach Camilles aka Arnos Empfehlungen fragen.

Denise Wachter

Denise ist eigentlich gebürtige Schwäbin mit litauischen Wurzeln, trotzdem lassen sie der hohe Norden und Krabbenbrötchen seit geraumer Zeit nicht mehr los. Normalerweise ist sie Foodredakteurin bei stern Genuss, geht jetzt aber auch für Geheimtipp Hamburg auf kulinarische Entdeckungstour.