XeÔm - Eatery

XeÔm - EateryAufgetischt! #2: Ein Motorradtaxi in die Straßenküchen Hanois

Wer schon mal in Vietnam war, hat bisher vergeblich nach einer vergleichbaren Küche in Hamburg gesucht. Die Suche könnt ihr einstellen: Geht ins Xeom, bestellt eine Pho und taucht ein in die quirligen Straßen Hanois.

AUFGETISCHT!

Woche für Woche nehmen wir an den schönsten Tischen Hamburgs Platz. Wir nehmen Fischköpfe und auch Hühnerfüße in den Mund – nur um euch die kulinarische Vielfalt Hamburgs zu zeigen. Aufgetischt! ist eine Hommage an die Küchen und an die Küchenchefs unserer Stadt. Wir zeigen die Menschen, die hinter einem Teller oder Tresen stehen, genauso wie den Teller und den Tresen an sich. Wir sind hungrig auf Hamburg!

Herzlich willkommen!

"Tuut, tuut", hupen die Motorradtaxis in Vietnam, äh natürlich im Karoviertel. Zumindest, wenn man mit ein bisschen Fantasie die Treppen ins quirlige Xeom hinunter geht. Vorsicht! Die Flammen brennen auf Hochtouren, die Woks werden umher geschwenkt, der Service wuselt sich durch die Tische, vorbei an den Gästen mit Schüsseln voll heißer, dampfender Suppe. Wir stehen fast direkt in der Küche. Es ist eng und auch hektisch, aber organisiert. Auf den Edelstahlregalen türmen sich die Suppenschüsseln, denn hier sollte man vor allem eins essen: Pho – eine traditionelle vietnamesische Nudelsuppe mit Rindfleisch, Zwiebeln und Koriander, die zu den besten Hamburgs zählt. Wenn nicht sogar DIE Beste. So will das der Besitzer Long aber nicht stehen lassen, er korrigiert mich prompt: "Das ist eigentlich Geschmackssache." Wie sympathisch bescheiden.

Ist das wirklich Hamburg?

Wir werfen einen Blick ins "Esszimmer": Huch, ist hier noch Baustelle oder warum hängen kreuz und quer Stromkabel an der Decke? Nein, das soll sogar so sein, erklärt uns Long. Die ganze Eatery soll an eine stinknormale Seitenstraße in den Gassen Hanois erinnern. Da kommen Long und seine Familie übrigens her. "Wir sind ein klassischer Familienbetrieb", verrät uns Long. "Die Rezepte sind von Mama, mein Onkel kocht und meine Schwester hilft auch mit." Der Rest der Truppe kommt aus Vietnam, die sind aber keine Verwandten, sondern Freunde.

Eine Freundin der Familie, My, erklärt uns daher auch aufs Stichwort die Speisekarte: Nudelsuppen, lauwarme Reisnudelsalate, Sommerrollen und herrlich selbstgemachte Limonaden sind nur eine Auswahl. My empfiehlt uns natürlich eine Pho, aber nicht irgendeine, sondern ein altes Rezept von Longs Mama. Die Pho Ap Chao ist so ein altes Relikt aus Hanoi. Das Besondere? Das fein geschnittene Rinderfilet wird kurz mit Pak Choi, eine milde Kohlart aus Asien im Wok geschwenkt. Normalerweise wird das Fleisch nur in die heiße Brühe getunkt. Die Brühe ist übrigens so gut, dass sich ein cremiger, weicher Film über die Lippen schmiegt. Sie ist wuchtig und vollmundig mit ihren feinen Aromen nach Zimt – voll Umami einfach.

Die Hall of fame der Motorradtaxis

Xeom heißen übrigens die Motorradtaxis in Vietnam. Die Küchenzeile ist voll von Motorradschildern aus Vietnam, an den Wänden kleben Tapeten mit den klassischen Xeom. Für die Vietnamesen sind die Motorradtaxis Kultur, sie bewegen sich damit fort, ohne sie würden sie nicht durch die engen Gassen der Städte kommen. Long und seine Familie wollten das Straßenleben Hanois in einen kleinen Laden quetschen. Streetfood-Style eben. Das ist ihnen gelungen.

Long verrät uns, dass die Küche sich in Hanoi im Norden stark von der in Ho-Chi-Minh im Süden unterscheidet. Im Süden wird die Pho beispielsweise mit vielen Kräutern und Sojasprossen serviert, gewürzt wird die Pho mit Hoisin-Sauce. Im Norden gibt es die vietnamesische Reisnudelsuppe mit Fischsauce und Quay. Bei Xeom gibt es eher Gerichte aus dem vietnamesischen Norden, obwohl der kochende Onkel aus dem Süden stammt.

Egal zu welcher Uhrzeit man in die Eatery kommt, sie ist immer proppenvoll. Mittags kommen die Mitarbeiter aus den Werbeagenturen, nachmittags junge Familien und abends einfach Hungrige. Wenn der Service mal hungrig wird, mischt er sich auch mal unter die Gäste. Nach Mys großartiger Beratung, sehen wir sie später auf einem Plastikhocker an einem der Tische sitzen und eine Pho schlürfen. So gehört sich das!

Die Pho Ap Chao - unvergleichlich!

Zuvor hat sie uns aber verraten, dass wir unbedingt Chao, also traditionellen Reisbrei probieren müssen. Den isst man eigentlich, wenn es kalt ist oder man kränkelt. Gut, dass ich gerade etwas erkältet bin. Und gut, dass My uns den Reisbrei empfohlen hat, wir hätten ihn nie bestellt. Chao ist wie Porridge, nur herzhaft. Der Reis wird mit gelben Bohnen in Hühnerbrühe gekocht, bis eine sämige Konsistenz entsteht. (Denkt ja nicht an süßen Milchreis!) Es braucht nur zwei Löffel davon und wir sind überzeugt. Dazu gibt es ein weiteres Highlight: Quay - eine Art frittiertes Hefegebäck, das man auch zu Suppen isst - vergleichbar mit schwäbischen Backspätzle. Eine Gemeinsamkeit?

Der Absacker: vietnamesischer Kaffee

Sommerrollen mit Garnelen, Mango-Apfelsalat und lauwarmer Reisnudelsalat mit frittierten Frühlingsrollen sind fast schon Klassiker und gehen immer. Wer sich aber traut, probiert die Specials: knusprig frittierte Ramennudeln oder "Sweet & Beefy", mariniertes Rinderfilet mit Süßkartoffelpommes. "Das ist nicht vietnamesisch, sondern eingedeutscht", verrät uns My mit einem Augenzwinkern. 

Während der Kolonialzeit hatte die französische Küche einen großen Einfluss auf die vietnamesische Kulinarik. Pot au feu, also Feuertopf wurde zu Pho, der traditionellen Suppe, die wiederum mit vietnamesischen Aromen verfeinert wurde.

Auch draußen herrscht Vietnam-Feeling

Zu jedem Gericht stellt uns Long neue Saucen dazu: Chili-Knoblauch, Fischsauce, Hoisinsauce oder Chiliflocken. Wir sollen uns durchprobieren. Das tun wir auch. Wir fühlen uns gut umsorgt. Als "Absacker" gönnen wir uns einen vietnamesischen Kaffee, den gibt es kalt und warm mit gesüßter Kondensmilch. Wir gehen die Treppen wieder hinauf, hören noch das Klappern der Woks und sind wieder auf den stinknormalen Straßen Hamburgs.

Stromkabel an der Decke - so wie in Hanoi

  • Wie ist die Stimmung?

    Hektisch, laut, wuselig, ziemlich gut.

  • Was sollte man essen?

    An der Pho sollte niemand vorbei gehen

  • Wer isst hier?

    Junge, Alte, Hipster, Eltern, Vietnamesen

  • Wie viel muss man ausgeben?

    Gar nicht viel. Eine Pho kostet um die sieben Euro.

  • Wann sollte man kommen?

    Am besten mittags oder nachmittags. Abends steht man schon mal Schlange.

  • Was gibt es noch?

    Selbstgemachte Limonaden mit Ingwer, Holunder, Grünem Tee, Himbeeren oder Lychee. Sie ALLE schmecken herrlich erfrischend.

  • Lieblingskellner?

    Long schmeißt den Laden, My weiß, was man essen sollte.

  • Besonderheiten?

    Keine Reservierungen und nur Bares ist Wahres.

Unser Fazit

Speis & Trank

Ich bleib dabei. Beste Pho Hamburgs!

Ambiente

Nix fürs erste Date, besser mit Freunden lautstark Pho schlürfen.

Personal

Flink und sympathisch. Die Pho ist schneller am Platz als man Pho aussprechen kann.

Wir haben das Xeom ins Herz geschlossen

Kay Zywietz

Denise Wachter

Denise ist eigentlich gebürtige Schwäbin mit litauischen Wurzeln, trotzdem lassen sie der hohe Norden und Krabbenbrötchen seit geraumer Zeit nicht mehr los. Normalerweise ist sie Foodredakteurin bei stern Genuss, geht jetzt aber auch für Geheimtipp Hamburg auf kulinarische Entdeckungstour.