Bistrot Vienna

Bistrot ViennaAufgetischt! #3 - Wer einmal hier war, wird immer wieder kommen

In New York City stehen die Leute gern mehrere Stunden Schlange, um den neuesten Food-Trend zu probieren. Vor einem kleinen Lokal in Eimsbüttel wird auch oft Stunden gewartet – nur um im Vienna zu essen. Und das schon seit fast 30 Jahren.

AUFGETISCHT!

Woche für Woche nehmen wir an den schönsten Tischen Hamburgs Platz. Wir nehmen Fischköpfe und auch Hühnerfüße in den Mund – nur um euch die kulinarische Vielfalt Hamburgs zu zeigen. Aufgetischt! ist eine Hommage an die Küchen und an die Küchenchefs unserer Stadt. Wir zeigen die Menschen, die hinter einem Teller oder Tresen stehen, genauso wie den Teller und den Tresen an sich. Wir sind hungrig auf Hamburg!

Dass man im Vienna gut essen kann, hat sich rumgesprochen und zwar nicht nur bis Buxtehude, sondern auch bis nach New York und Los Angeles. Auf den ersten Blick ist das kleine Lokal nichts Besonderes. Eine kleine Bar am Eingang, ein winziger Gastraum mit etwa zehn Tischen, eine Küche, die so groß ist, wie bei manch einem Zuhause. Mit rot-weiß-karierten Tischdecken, einem Stück Papier und einer schlichten weißen Kerze ist jeder Tisch eingedeckt.

Der Gastraum

Um 17 Uhr ist der Laden leer und leise, nicht verwunderlich, schließlich öffnet die Küche erst um 19 Uhr. Doch dann passiert etwas Eigenartiges: Ein Pärchen kommt herein, es ist noch nicht einmal halb sechs. Sie nehmen an einem der winzigen Tische Platz – und bestellen einen Aperitif. Wissen sie nicht, dass es erst in anderthalb Stunden etwas zum Essen gibt? Sind die denn verrückt?

Von wegen! Nur wenige Minuten später öffnet sich wieder die Tür, es sind wirklich Gäste. Gäste, die essen wollen und die ganz genau wissen, dass die Küche erst in mehr als einer Stunde die ersten Gerichte rausgibt. „Das war bei uns schon immer so“ verrät uns Ilka, die im Service arbeitet. „Die Leute warten hier schon mal zwei bis drei Stunden – bevor sie einen Tisch bekommen“. Wir belächeln diesen Kommentar, können es nicht so recht glauben. Wir werden eines Besseren belehrt. Alle Tische sind besetzt. Es ist gerade einmal 18 Uhr. Die ersten Gäste werden bereits freundlich wieder nach Hause geschickt – sie waren drei Minuten zu spät. Was ist denn hier los?

Im „Esszimmer“ wird es ein wenig lauter, die ersten Crémants gehen über die Theke, die Stimmung ist ausgelassen. Wir sitzen hier so eng nebeneinander, dass man gar nicht anders kann, als mit seinem Nachbarn zu schnacken. Neben uns sitzt ein Pärchen, Stammgäste seit über zehn Jahren. Das Essen muss hier so gut sein, dass die Leute freiwillig drei Stunden auf einen freien Tisch warten.

Wir können es jetzt kaum noch erwarten. Ein Blick in die Karte verrät: Hier gibt es portugiesische und italienische Elemente, urdeutsche Gerichte und natürlich auch österreichische Klassiker. „Bei uns gibt’s einfach alles, was geil schmeckt“, sagt Ilka und zwinkert uns zu. Wir wollen es nun wissen: Ecki, die Serviceleitung des Viennas, nimmt um halb sieben reihum die Bestellungen auf. Die Gerichte stehen auf einer handgeschriebenen Speisekarte, die jeden Samstag wechselt. Was wir essen sollen? „Auf jeden Fall die Lammbratwurst“, empfiehlt uns Ecki. Die ist nämlich selbstgemacht.

Warmer Spargelsalat mit Ziegenfrischkäseterrine und Räucherlachs

Hausgemachte Lammbratwurst mit Kichererbsensalat und Pimentos

Unser Tipp: Wer einen Tisch ergattern möchte, sollte bereits um 17:30 Uhr da sein. Es kann gut sein, dass um 18 Uhr alle Plätze besetzt sind. Wer in einer größeren Gruppe kommt, sollte jemanden vorschicken – zum Freihalten. Ist das zu früh? Dann kann man sich in die wartende Meute an der Bar einreihen – und eine Flasche Wein bestellen. Nach etwa zwei bis drei Stunden bekommt man bestimmt einen Tisch. Das lohnt sich wirklich!

Pünktlich um 19 Uhr gibt es warmes Baguette mit gesalzener Butter – zur Überbrückung. Die ersten Vorspeisen folgen nur wenige Minuten später, zumindest an den Nachbartischen. Wir haben uns einen Spargelsalat mit Ziegenfrischkäse-Terrine und Räucherlachs bestellt. Der ist so fein und mild, ein perfekter Einstieg – nicht zu kompliziert. Dann kommt aber die Lammbratwurst und die hat es in sich.

„Was ist da drin?“, frage ich Ecki nach dem ersten Biss. „Lamm“, sagt er und lacht. Aber noch viel mehr: Sie schmeckt nach Zimt, Kardamom, Zitrone und Knoblauch und explodiert förmlich im Mund. Großartig!

Wiener Schitzel mit Gurken- und Kartoffelsalat

Kalbsrückensteak in Morchelram auf Blattspinat, Ricottaravioli

Was im Vienna immer geht, ist Wiener Schnitzel. Das schmeckt so wie es sein soll. Der Gurkensalat im Rahm ist ein Traum, genauso wie der Kartoffelsalat ganz schlicht und lecker – mit Essig und Öl. Dann aber kommt das Highlight: Kalbsrückensteak auf den Punkt gegart, butterweich mit einer Morchelsauce. Diese göttliche Morchelsauce – zum Reinlegen lecker! Dazu gibt es selbstgemachte Ricotta-Ravioli. Besser kann ein Gericht nicht mehr werden. Auch das Pärchen vom Nachbartisch ist sich einig. „Sie hätten das Steak nicht besser braten können. Wir müssen uns einen Kalbsrücken besorgen!“

Seit gut 30 Jahren gibt es das Vienna so wie es heute von der Art des Kochens und der Art des Angebots ist. 1912 war hier die Kneipe „Groschenkrug“, 1978 dann ein Künstlercafé, das erste „Vienna“. Heute ist die Küche österreichisch, frankophil, leicht italienisch mit deutschen Klassikern. Beispielsweise Königsberger Klopse oder Labskaus. Das Vienna steht für unbeschwertes Essengehen – ohne Schischi. Die Küche macht alles selbst. Das schmeckt man. Die Gäste warten oft mehrere Stunden auf einen Tisch, das gehört aber zum Vienna-Erlebnis dazu. Wer das mitmacht, wird immer wieder kommen.

Unser Blick streift die anderen Tische, jeder Gast hat etwas zu essen. Die einen lächeln, die anderen nicken zustimmend mit dem Kopf. Das Essen entlockt auch uns nach jedem Bissen ein „Oooh“ oder „Mmmh“. Unsere Bäuche spannen bereits, das kriegen auch unsere Nachbarn mit: „Man kann das Schnitzel auch als halbe Portion bestellen. Muss man halt wissen“, sagen sie mit einem wissenden Lächeln. Warum haben sie uns nicht vorgewarnt? Das Schicksal eines ersten Restaurantbesuchs. Trotzdem: Ilka sagt uns „Topfenknödel ist Pflicht“, deshalb bestellen wir die natürlich, Ecki empfiehlt dazu einen Dessertwein – auch dazu können wir kaum ‚Nein‘ sagen. Ein guter Tipp!

Tropfenknödel mit Zwetschgenröster

Als wir fertig sind, können wir unseren Augen kaum trauen: Der ganze Barbereich ist voll von hungrigen Menschen. Die aber mit Wein und Bier lässig an der Bar stehen. „Warum wartet ihr hier?“, frage ich. „Wegen des Essens“, lautet die einstimmige Antwort. Wir verlassen das Vienna, drehen uns nochmal um, sehen die angelaufenen Fensterscheiben und müssen den Gästen Recht geben. Hier lohnt es sich, nicht nur zu warten, sondern auch wiederzukommen.

  • Wie ist die Stimmung?

    Ausgelassen. Wer hier herkommt, nimmt sich Zeit fürs Essen. Und wird gleichzeitig belohnt – und entschleunigt.

  • Was sollte man essen?

    Die Klassiker wie Wiener Schnitzel oder Vitello Tonnato. Außerdem auf die Empfehlungen von Ilka und Ecki hören.

  • Wer isst hier?

    Stammkunden, die ganz genau wissen, warum sie mehrere Stunden auf einen Tisch warten. Aber auch Touristen, die durch Mundpropaganda vom Vienna gehört haben.

  • Wie viel muss man ausgeben?

    Für diese Qualität nicht viel. Um die 100 Euro zu zweit mit Apéritif, Vorspeisen, Hauptgerichten, Dessert, Wein und Verteiler.

  • Wann sollte man kommen?

    Bereits um 17.30 Uhr – und Wartezeit mitbringen. Oder zu jeder anderen Uhrzeit, aber auch dann: Die Wartezeit auf einen freien Tisch am besten mit mehreren Gläsern Wein überbrücken.

  • Was gibt es noch?

    Eine großartige Weinkarte mit Weinen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Die Gerichte vom Nachbarstisch sahen aber auch alle klasse aus.

  • Wer kocht hier?

    Küchenchef und Mitbesitzer Carlo mit seinem Team.

  • Lieblingskellner

    Ilka und Ecki kümmern sich wundervoll um ihre Gäste.

  • Besonderheiten

    Im Vienna kann man nicht reservieren, aber gerade die Wartezeit macht den Abend zu einem unvergesslichen Vienna-Erlebnis. Besonders im Sommer. Dann kann man mit Wein auch draußen warten – und auch sitzen.

Unser Fazit

Speis & Trank

"Oooh“, „Mmmh“. Hier ist alles selbst gemacht. Das schmeckt man.

Ambiente

Wer hier keine Freunde findet, findet sie nirgendwo.

Personal

Überaus herzlich, kompetent und für jeden Scherz zu haben.

Kay Zywietz

Denise Wachter

Denise ist eigentlich gebürtige Schwäbin mit litauischen Wurzeln, trotzdem lassen sie der hohe Norden und Krabbenbrötchen seit geraumer Zeit nicht mehr los. Normalerweise ist sie Foodredakteurin bei stern Genuss, geht jetzt aber auch für Geheimtipp Hamburg auf kulinarische Entdeckungstour.