Ein Jahrhundert Hamburg

Ein Jahrhundert HamburgOrte, die an eine andere Zeit erinnern

Kommt mit uns auf eine Zeitreise durch ein Jahrhundert Hamburg! Wir haben uns die Geschichte der Hansestadt genauer angeschaut und möchten euch zehn Institutionen vorstellen, die heute wie damals zum Bild unserer schönen Stadt gehören und die Entwicklung Hamburgs wunderbar repräsentieren.

1905: Im Glanz des Jugendstils und der späten Gründerzeit

© Anno 1905

Holstenstraße, Ecke Holstenplatz: Normalerweise laufen wir hier blind vorbei. Wenig Zeit wird an dieser etwas chaotischen Ecke verloren. Auch wenn es schwerfällt: Denkt euch die Verkehrsführung weg, die zahlreichen Autos, die hier langbrettern, die Polizeiwagen, die mit Blaulicht vorbeirauschen, weil die Fußballfans mal wieder Richtung Stadion unterwegs sind. Stattdessen Kopfsteinpflaster und Kutschen. Fällt schwer? Es wird leichter, wenn die schwere Tür des Anno 1905 aufschwingt.

Das Restaurant am Holstenplatz gilt seit nun mehr als 100 Jahren als Traditionslokal mit herrlicher Hausmannskost. Labskaus, Pannfisch, Rindsroulade – „Futtern wie bei Muttern“ nennt man das hier auch. Die Speise- und Schankwirtschaft aus den Zeiten Kaiser Wilhelms II präsentiert sich heute wie damals im Glanz des Jugendstils und der späten Gründerzeit. Viele Teile der Einrichtung, wie der Tresen mit dem Thekenregal aus dunklem Holz samt Uhr und Barometer, die großen Spiegel und Schnitzwerke, sind alle noch original erhalten.

1905 war diese Gegend regelrecht ein Boom-Town: Zahlreiche Arbeiter zog es im Rahmen der Industrialisierung in das Viertel. Hamburg veränderte sich in dieser Zeit rasant. Nach der Choleraepidemie 1892 war die Stadtsanierung in vollem Gange. Fritz Klüver und seine neue Wirtschaft kamen da ganz recht. Sie zeigen die alte Pracht und den Charme des industriellen Hamburgs zur Jahrhundertwende.

1910: Let's celebrate the Golden 20s

© Reichshof Hamburg Curio Collection by Hilton

Hotel Atlantic, Vier Jahreszeiten – das sind Traditionshäuser, die man heute noch über die Grenzen Hamburgs hinaus kennt. Am Reichshof Hamburg gegenüber des Hauptbahnhofs wären wir vor ein paar Jahren noch einfach so vorbeigelaufen. Dabei wurde das Hotel nur knapp ein Jahr nach dem Hotel Atlantic eröffnet als damals größtes Hotel Deutschlands.

Bis 1989 blieb die Institution in den Händen der Familie Langer, doch allmählich geriet das Hotel in Vergessenheit. Die Fassade wirkte wenig einladend und das Interieur war längst überholt. Seit gut zwei Jahren erstrahlt das Hotel wieder in altem Glanz. Curio Collection by Hilton kaufte Anteile des Hauses und restaurierte es unter Aufsicht des Denkmalschutzes.

Am Ende der marmornen Eingangshalle geht es durch eine Holztür in die Bar des Hotels. Benannt nach dem Gründungsjahr wird hier die klassische Barkultur auf höchstem Niveau zelebriert. Das Personal trägt weiße Anzüge mit goldenen Knöpfen, die Drinks kommen in entzückenden Kristallgläsern. Nach der Renovierung wurden zur original Einrichtung Art-Déco-Elemente ergänzt. Hier erlebt ihr den Glanz der Goldenen 20er. 

1919: Rustikal & gemütlicher Charme

© Zur Traube

Hamburgs älteste Weinstube könnt ihr im Gassengewirr von Alt-Ottensen gar nicht verfehlen. Über dem Eingang weist euch eine riesige, leuchtende Weinrebe den Weg. Herein in die gute Stube – euch erwarten edle Tropfen und dazu französische Wohlfühlküche.

Die Weinstube im Erdgeschoss präsentiert sich seit der Eröffnung 1919 mit dem gleichen gemütlichen Charme. Die Holzvertäfelungen und Schnitzereien, die kleinen ovalen Tische, brachte Emil Peters vor knapp 100 Jahren schon mit in die Karl-Theodor-Strasse.

Unten rustikal, oben modern: Im ersten Stock wird feine bretonische Küche serviert. Chef de Cuisine Gilles Niel hat Rezepte aus seiner Heimat mitgebracht. Seit 2005 steht er in Ottensen in der Küche und führt gemeinsam mit Inhaberin Karin Wege das sanierte Lokal. Egal ob zum Anstoßen mit Freunden nach Feierabend oder zum romantischen Dinner – ein Besuch bei Zur Traube ist schon immer ein Vergnügen.

1939: Szenetreffpunkt in St. Georg

© Café Gnosa

Hamburgs ältestes bestehendes Caféhaus wurde 1939 eröffnet. Damals von der Familie Gnosa, das eine hauseigene Konditorei mit ins Café brachte, das in der Langen Reihe im selben Gebäude bereits seit der Zeit um 1900 existiert.

Nicht viel scheint hier passiert zu sein. Es ist immer noch so familiär, herzlich und gemütlich wie damals. Auch wenn sich das Publikum und die Szene sehr verändert haben. Bis 1987 führte Ella Gnosa gemeinsam mit ihrer Tochter das Café, dann übernahmen Kai Reinecke und Effi Effinghausen das Geschäft. Auch sie änderten nicht viel am Mobiliar, nur die alten Vorhänge, die den Raum sehr verdunkelten, schmissen sie als erstes raus.

Zuvor hatten die beiden Hamburgs erstes „schwules“ Café geführt. Im Szenestadtteil St. Georg etablierte sich so auch das Café Gnosa schnell als Treffpunkt der Queer Szene. Das ist bis heute so: Viele kommen bereits seit Jahren zum Kaffee und Kuchen hierher. 

1946: Kunst für die Ewigkeit

© Lisa Knauer

Deutschlands älteste Tätowierstube passt perfekt in Hamburgs Geschichte echter Seefahrer. Natürlich waren Tätowierungen schon viel früher ein Trend unter den echten Kerlen. Während der Urvater der Deutschen Tätowierer Christian Warlich noch in den Hinterzimmern von Kiez-Kaschemmen tätowierte, professionalisierte Herbert Hoffmann das Tattoo-Business in der Hansestadt.

"Die Old School Motive der Seefahrer von damals wollen sich heute wieder viele stechen lassen", erzählt uns Günter, heutiger Inhaber der Tätowierstube. Er lernte hier das Handwerk zum Tätowierer von seinem Onkel Herbert Hoffmann. Das stand völlig außer Frage: "Eines Tages hieß es einfach: 'Willst du nicht auch mal tätowieren' und so bin ich da einfach reingerutscht", erzählt er uns. 1984 wurde die Tätowierstube feierlich in seine Hände übergeben.

Seitdem hat er über 30 Jahre Erfahrung gesammelt und es hat sich doch einiges verändert. Das Publikum ist bunter geworden, die Motive vielfältiger. Tattoos sind gerade jetzt wieder voll im Trend. Ein Kunstwerk für die Ewigkeit aus der Ältesten Tätowierstube Deutschlands ist das originellste Hamburg Souvenir. 

1959: Jazz-Fieber

Um 1900 entstand die Musikrichtung Jazz in den Südstaaten der USA, damals ursprünglich gespielt von Afroamerikanern. Die Jazz-Welle schwappte aber erst 1919 nach Deutschland über und beherrschte schnell die Tanzsäle in den Städten. Während der Hype in ganz Europa wuchs, wurde der Jazz unter den Nationalsozialisten in Deutschland verboten. Erst nach dem Ende der NS-Diktatur entdeckte man die Musik wieder in der Öffentlichkeit, zuerst allerdings nur in der BRD. In der DDR galt der Musikstil als Propaganda aus dem Westen.

Mit der Eröffnung des Cotton Clubs 1959, damals unter dem Namen Vati’s Tube Jazzclub, wurde auch Hamburg vom Jazz-Fieber gepackt. Auch wenn der Stil gerade wieder einen Aufschwung erlebt, gibt es nur noch wenige echte Jazzkeller wie den Cotton Club in Deutschland. Noch heute treten dort täglich nationale und internationale Größen aus der Szene auf. Die Atmosphäre ist familiär und locker, hier kennt und mag man sich.

1964: Die neuen Hamburger Chinesen

© Lisa Knauer

Hamburgs ältestes China-Restaurant befindet sich direkt am Hauptbahnhof neben dem Deutschen Schauspielhaus und ist heute noch bekannt für authentische Küche aus Kanton. Dennis und Mary-Ann Kwong führen das Dim Sum Haus nun in der dritten Generation.

Dennis Opa kam vor nunmehr über 50 Jahren nach Hamburg und eröffnete das Lokal am Bahnhof 1964. Seine Mutter kam mit ihrem Mann in den 70er Jahren nach Hamburg und stand seitdem fast jeden Tag im Restaurant. Sie gehören zu den ersten Chinesen, die Hamburg wieder ihr Zuhause nennen. Dabei kamen einst mit der Schifffahrt viele Menschen aus China in die Hansestadt. Vom Chinesenviertel rund um die Schmuckstraße auf St. Pauli ist heute nichts weiter übrig außer einer Gedenktafel und die Hongkong-Bar, die Nationalsozialisten schlossen es in den 40er Jahren.

Im Dim Sum Haus schreitet man über einen roten Teppich. Ein Hauch Kitsch liegt in der Luft, trotzdem ist die Atmosphäre gemütlich. Während des Hochbetriebes flitzen zahlreiche, chinesischsprachige Servicekräfte durch die Reihen und bringen ein Gericht nach dem anderen zu den hungrigen Gästen. Mit nur ein wenig Fantasie fühlt man sich wie in Hong Kong.

1974: Hamburgs bekanntester Herrensalon

© Lisa Knauer

Eigentlich gibt es Salon Harry schon viel länger als 1974, die Einrichtung des Herrensalons auf St. Pauli stammt aber original aus diesem Jahr. Dunkles Holz, grüne Ledersitze, gemütliches Licht – eben typisch 70er.

In diesem Jahrzehnt kam auch Franz Stenzel nach Hamburg, er übernahm vor knapp 20 Jahren die Geschäfte des legendären Figaros Harry. Er soll übrigens die beste Kopf- und Nackenmassage Hamburgs geben – Männer überzeugt euch selber!

Salon Harry stieg schon viel früher zu einer Hamburg Kiez-Größe auf. Die Beatles machten den Friseurmeister gegenüber der Davidwache erst berühmt; hier ließen sie sich ihre bekannten Pilzköpfe schneiden. Auch wenn die Band sich dort nie mehr blicken ließ, geben sich heute noch Promis und Gäste aus aller Welt in der Davidstraße die Türklinke in die Hand.

1981: Eine Institution am Fischmarkt

© Fischereihafen Restaurant

Heute ist uns die Große Elbstraße bekannt als eine der Hamburger Schlemmermeilen. Lange bevor Henssler & Henssler, das AU QUAI und Co. sich hier ansiedelten, erkannte Rüdiger Kowalke das Potential der Elbmeile. 1981 eröffnete er das Restaurant Fischereihafen.

Mit seinem guten Netzwerk an Spitzenköchen und als geborener Gastgeber stieg das Restaurant schnell zu einer Größe in Hamburg auf – und ist es bis heute geblieben. Die Küche überzeugt mit einem interessanten Mix aus traditionell norddeutscher Küche mit französischen Einflüssen und exotischen Kreationen aus allem, was aus dem Meer kommt.

1997 übernahm Sohn Dirk den Betrieb, die ganze Familie ist aber noch mit Herz und Seele beteiligt. Sogar Chefkoch Michael Scherer gehört zur Familie, er startete in den 90ern hier seine Karriere und kehrte 2012 zurück, um die Küche zu leiten. Auch wenn oft teure Schlitten vor der Tür stehen und bekannt ist, dass internationale und Hamburger Prominenz gerne ein- und ausgeht, sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Das Ambiente ist herzlich und familiär, die Einrichtung typisch 80er mit Teppichboden und gedimmten Licht. Der Blick auf den Hafen ist einmalig und das Essen einfach gut – diese Hamburger Institution sollte jeder einmal besucht haben!

1995: Es darf wieder getanzt werden!

Die Hamburger Legende ist zurück! Seit August 2017 darf in dem 100 Jahre alten Gebäude unterhalb des Park Fiction wieder getanzt werden, dabei war die Zukunft des Golden Pudel Clubs lange ungewiss.

1988 gründete Rocko Schamoni gemeinsam mit Schorsch Kamerun den ersten Pudel Klub. Im Erdgeschoss des Hauses, in dem er wohnte, trafen sich alle Hamburger Größen der Popkultur. Als dieser kurz vor dem aus stand, musste 1995 eine neue Location her. Die historischen Räume des ehemaligen Café Elbterrassen an der St. Pauli Hafenstraße wurden frei, damit war das perfekte Zuhause für den Golden Pudel Club gefunden.

Der Club galt lange als Treffpunkt der Hamburger Schule, einer Musikbewegung, die die Neue Deutsche Welle mit Elementen aus dem Indie-Rock, Punk, Grunge und Pop verband. Die Deutsche Sprache zog wieder in die Popmusik ein. Doch als 2016 der Dachstuhl abbrannte war die Finanzierung der Schäden unklar. Viele Fans, aber auch der Bezirk Altona, die Stadt Hamburg und die gemeinnützige Mara & Holger Cassens Stiftung setzen sich für den Erhalt des Clubs ein und konnten so sicherstellen, dass der Golden Pudel Club heute wieder zu einer der Top-Locations im Hamburger Nachtleben gehört.

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Carolin Simon

Unsere kleine Weltenbummlerin Caro hat den Weg zurück in die Heimat gefunden und ist ab jetzt auf Entdeckertour in Hamburg unterwegs. Sie liebt den Hamburger Hafen und ist immer auf der Suche nach schönen Märkten und neuen Food Ideen.