Gassengeflüster

GassengeflüsterDie Traditionsstraßen von Schanze bis Altstadt

Wir haben etwas für echte Hamburger Insider: Denn diese Gassen solltet ihr kennen! Quer durch den Hamburger Stadtkern begeben wir uns auf einen Spaziergang durch Hamburgs Geschichte. Für alle, die Hamburg richtig erleben wollen, bitte hier entlang!

Man muss schon ein echter Hamburg-Kenner sein, um die schönen alten Gassen in unserer Hansestadt zu finden. Aber die Suche lohnt sich! Denn über die gesamte Stadt verteilt, gibt es viele kleine Gässchen, Hinterhöfe & Passagen, die zum Verweilen einladen.

Anstatt wieder den üblichen Spaziergang um die Alster oder vorbei an den Landungsbrücken zu machen, haben wir unsere ultimativen Gassen-Touren für euch. Los geht's vom Schanzenviertel bis in die Altstadt mit sieben Zwischenstopps, die ihr auf jeden Fall kennen müsst. 

Diese sieben Gassen erzählen alle ein Stück Hamburger Geschichte, denn sie sind Zeitzeugen, die den großen Stadtbrand 1842, die Weltkriege und umfassende sogenannte Sanierungsprogramme in den letzten Jahrhunderten überlebt haben.

Warum schicken wir euch durch Hamburgs Gassen?

Gassen haben einen speziellen Charme. Sie strahlen Gemütlichkeit aus - eben steht man noch an einer lauten Straße, plötzlich ist man von ruhiger Gelassenheit zwischen den Häuserzeilen umgeben. Hamburgs Gassen führen euch weg von der Großstadthektik und rein ins hanseatische Leben. 

Also Augen auf! Torbögen und Kopfsteinpflaster weisen meist auf eine versteckte Gasse hin. Verpasst auf keinen Fall die vielen kleinen Details, die aus einem normalen Spaziergang einen besonderen Streifzug machen.

#1 Augustenpassage

Unsere Tour durch Hamburgs schönste Gassen beginnt auf sicherem Pflaster. Die Augustenpassage sollte Schanzenkindern bereits ein Begriff sein. 

Der Passagen-Eingang liegt ein wenig versteckt am Dreieck Neuer Pferdemarkt, Schanzenstraße und Schulterblatt. Wir verabschieden uns vom Straßenlärm und verschwinden vorbei am portugiesischen Café Colmeia durch eine Öffnung zwischen den Wohngebäuden. Wegweiser ist uns das auffällig bunte Graffiti, das den westlichen Eingang der Passage verziert. 

Hat hier jemand seine Schuhe vergessen? Jede Menge verknotete Schuhpaare hängen in den Ästen der Bäume. Man erklärt uns, dass sie die Wünsche ihrer einstigen Besitzer symbolisieren sollen. Wie lange die genau schon dort hängen? Das weiß keiner so genau.

Die Augustenpassage ist eine der wenigen historischen Straßen, die in dieser Gegend aus dem vorletzten Jahrhundert übrig geblieben sind. Der Großteil der Wohn- und Hinterhöfe entstand in großen Projekten Mitte des 19. Jahrhunderts, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Heute stehen die meisten Gebäude unter Denkmalschutz.

Die Passage ist aber keinesfalls eingestaubt. Einmal im Jahr wird sie zum Mittelpunkt des Schanzenviertels, wenn sich gefühlt halb Hamburg zu einem gemütlichen Flohmarkt, köstlichen Snacks & Drinks und Livemusik hier trifft.

Heute ist es allerdings ruhig. Die Fahrräder stehen ordentlich angeschlossen vor den Häusern und die bunten Lichter der Laternen weisen uns den Weg zur anderen Seite. Ein paar wenige nutzen die autofreie Gasse als Abkürzung zum Karoviertel. Auch für uns geht es direkt dort weiter.

#2 Karolinenpassage

Weiter geht's im Karolinenviertel. Definitiv eines meiner persönlichen Lieblingsviertel, dass ihr vor hundert Jahren wahrscheinlich nicht wiedererkannt hättet. Wo früher ein verarmtes Arbeiterviertel war, ist heute ein kleines Shoppingparadies. Fast hätten wir in den wunderbaren Läden der Marktstraße unser eigentliches Ziel aus den Augen verloren, deshalb sind wir ein Stück zu weit gegangen und betreten die Karolinenpassage nun von der Hauptstraße des Viertels: der Karolinenstraße.

Gleich zu Beginn der Passage entdecken wir ein kleines Stückchen Geschichte: Auf der Inschrift am östlichen Eingang wird die Passage mit einem "C" geschrieben. Heute Karoviertel war früher nämlich Carolinenviertel, vermutlich benannt nach der Karolinenstraße, dessen Namensgeber der ehemalige "Patron" der Vorstadt war. So ganz genau kennt die Geschichte aber niemand.

An der Karolinenstraße treffen Tradition und Moderne in krassem Gegensatz aufeinander: auf der einen Seite die Karolinenpassage mit Wohngebäuden aus dem frühen 20. Jahrhundert, auf der anderen Seite der hypermoderne Messekomplex aus Glas und Stahl. 

Rote Backsteine, grüne und gelbe Fassanden und bunte Balkone – irgendwie haben wir das Gefühl, hier im Kreativviertel gelandet zu sein. Gleich am Beginn der Passage begrüßt uns ein Kunstwerk an der Hauswand. Unter der Inschrift Carolinenpassage steht: "creative souls", gleich daneben ist anstatt eines Fensters eine old school Nintendo-Nachbildung zu sehen. So begrüßen die kreativen Seelen uns in ihrem Block – herzlichen Dank, wir treten gerne ein.

Beim Spaziergang durch die Gasse rollt uns ein roter Ball vor die Füße. In der Passage leben und treffen wir junge Eltern mit ihren Kindern. Tatsächlich ist das Karoviertel sehr beliebt bei jungen Familien. Auch eine Kita und mehrere Spielplätze sind direkt um die Ecke. Scheint alles irgendwie perfekt. 

P.S.: Am östlichen Eingang der Passage ist einer der wohl besten Vietnamesen in ganz Hamburg: XeÔm! Allein beim Gedanken an die selbsternannte Eatery läuft uns das Wasser im Mund zusammen.

#3 Gängeviertel

Unterwegs sind wir übrigens mit dem Fahrrad, perfekt für unsere Tour einmal quer durch Hamburg-Mitte. Weiter geht es Richtung Innenstadt, vorbei an der Laeiszhalle, rein in Hamburgs kleinstes und gleichzeitig größtes Gassen Wirrwarr.

Das Gängeviertel – mit engen Häuserzeilen und bunten Fassaden – liegt so versteckt zwischen den modernen Gebäuden am Valentinskamp, dass selbst wir schon mehrere Male aus Versehen einfach dran vorbeigefahren sind. Kleine Schilder mit der Aufschrift "Komm in die Gänge" sind leise, vorsichtige Einladungen in die verborgenen Gassen. 

Der Bäckerbreitergang ist tatsächlich die auffälligste Häuserzeile, die nicht komplett zwischen den modernen Gebäuden verschwindet. Die Fachwerkhäuser Nummer 49/50 wurden um 1780 erbaut, erklärt uns eine Infotafel am Eingang der Straße. In die Gänge sind wir nun schonmal gekommen.

Fantasiegestalten werden lebendig in Graffitis an den Hauswänden. Bunte Fähnchen wehen im Wind. Die Nachbildung einer Freiheitsstatue steht einsam zwischen anderen Figuren. Wir sind auf einem künstlerischen Lagerplatz gelandet. Alles ein bisschen wie eine bunte und verrauchte Traumlandschaft – oder ein Hippie-Wonderland. Wer lebt hier?

2009 sollte der letzte Rest des Quartiers neuen Bauplänen weichen. Eine Volksinitiative rettete damals das Gängeviertel am Valentinskamp und hauchte den Gassen neues Leben ein.

Im Sommer steigen dort mit der Initiative „Komm in die Gänge“ einige Events, viele Künstler sollen sich hier angesiedelt haben. Heute sehen wir niemanden. Stille. In einem Hof stehen mehrere Wohnwagen – schlafen hier Leute? Manche Türen stehen offen, vor und hinter den Fassaden finden wir auf den ersten Blick nur verfallene Gebäude. Ein wenig gruselig.

Einst befand sich genau hier das größte Arbeiter- und Hafenquartier. Im 19. Jahrhundert erstreckte sich das Viertel noch über das gesamte damalige Hafengebiet, wo sich heute die Speicherstadt befindet. Schwer vorstellbar, diese Strecke werden wir auf unserer restlichen Tour noch zurücklegen. Endstation wird auf der Cremon gegenüber der Speicherstadt sein.

#4 Komponistenquartier

Wir verabschieden uns vom Gängeviertel und fahren weiter Richtung Peterstraße. Zwischen Holstenwall und Großneumarkt verstecken sich alt-hamburgische Originale.

Nach dem Gängeviertel ist das Komponistenquartier ein echter Gegensatz, trotzdem ist hier nicht alles, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Häuser des Komponistenquartiers sind nämlich gar nicht original, sondern nur originalgetreu aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Fassaden sind nachempfunden von Fotos von Hamburger Bürger- und Kaufmannshäusern, die vor dem Zweiten Weltkrieg geknipst wurden. Es wurden sogar zum Teil Überreste, wie Eingangsbögen, von den Originalhäusern verarbeitet. 

Wieso Komponistenquartier? Hamburg hat zwar viele Musikgenies hervorgebracht, die in der Hansestadt gelernt und gewirkt haben, keiner von ihnen lebte aber in den Häusern, die in der Peterstraße rekonstruiert wurden. Die Straße wurde den Musikern aus dem gleichen Zeitalter als Gedenkstätte gewidmet. Museen im Erdgeschoss erzählen das Leben der Komponisten.

Die sauberen Fassaden wirken wie Masken. Dazu die Museen im Erdgeschoss der Bürgerhäuser – die Peterstraße ist wie ein Freilichtmuseum. Ob hier überhaupt jemand wohnt? Tatsächlich ja, hinter den barocken Fassaden verbergen sich stinknormale Mietwohnungen. Die Bewohner hauchen den staubigen Häusern modernes Leben ein.

Davon kann aber noch nicht lange die Rede sein. In den ersten Jahren des Komponistenquartiers gab es strenge Vorschriften für die Mieter. Dazu gehörten zum Beispiel weiße Gardinen mit Rüschen in den Fenstern; sollte ja schließlich alles zeitgemäß barock wirken. Diese Regelungen wurden mittlerweile aufgelockert, trotzdem sieht man noch einige der weißen Vorhänge in den Fenstern.

Die Fassaden der nördlichen Straßenseite sind übrigens Nachbildungen von wohlhabenden Kaufmannshäusern, hinter den Fassaden auf der anderen Straßenseite hausten die einfachen Bürger. Zwischen der Nummer 35 und 37 befindet sich ein schmaler Durchgang. Er führt zu einem Hinterhof zwischen den Fachwerkhäusern, wo sich im Sommer ein träumerischer Rosengarten erblüht. Kaum vorstellbar, dass zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch die gesamte Hafengegend so aussah. 

#5 Krameramtsstuben

Vom Komponistenquartier aus können wir bereits den Michel sehen. Unserer Hamburger Wahrzeichen führt uns zur nächsten Station auf dem Gassen-Zettel: die Krameramtsstuben.

Wir sind im Touristenmittelpunkt der Stadt gelandet. Kein Wunder, in direkter Nachbarschaft zum Michel und in jedem Reiseführer angepriesen: Die Krameramtsstuben sind neben der Deichstraße die wahrscheinlich bekannteste Gasse Hamburgs. Es gibt viele wunderbare Fotos der Gasse mit den schrägen Fachwerkhäuschen, in echt ist die Twiete allerdings gar nicht so spektakulär.

Wir sind ein kleines bisschen enttäuscht, als wir die Krameramtsstuben betreten. Als ersten begrüßt uns ein Souvenirgeschäft mit den typischen schrecklichen Touristentassen, - Taschen und anderem Gedöns. Weiße Sonnenschirme, die zu dieser Jahreszeit wohl eher als Regenschirme dienen, versperren die Sicht auf die Häuser und stören das nostalgische Flair der Gasse.

Wusstet ihr, dass die Krameramtsstuben als die erste geschlossene Reihenhaussiedlung Hamburgs gelten? Trotz eines leichten negativen Eindrucks sind die Stuben ein Must-do auf einer Hamburg-Liste. 

Die Häuser sind so gut erhalten, dass manch einer zu dem Trugschluss kommen könnte, es handele sich wie beim Komponistenquartier um Nachbildungen. Tatsächlich sind die ältesten Häuser dort, gleichzeitig die ältesten erhaltenen Wohngebäude der Hamburger Innenstadt. Die Häuser a und n/m am Krayenkamp 10/11 sind um 1620 errichtet. 

Die Krameramtsstuben waren Wohnung für die Witwen verstorbener Mitglieder der Kleinhändler Gilde. Im Krameramt lebte und arbeitete der Händler mit seiner Familie im gleichen Haus. Wenn der Händler verstarb, musste die Witwe das Haus räumen und Platz für ein neues Krameramt schaffen. So entstand die erste Reihenhaussiedlung. Keine schlechten "Seniorenheime" für das 17. Jahrhundert.

#6 Deichstraße

Weiter geht's zum nächsten Touristenmagnet. Die barocken Fassaden am Nikolaifleet aus der Zeit vor 1842 haben die Deichstraße berühmt gemacht. Tatsächlich ist es ein Wunder, dass die Gebäude heute noch stehen, denn hier brach am 5. Mai 1842 der Große Brand aus.

Die Häuserzeile, die überlebt hat, wurde aufwendig für die Touri-Präsentation herausgeputzt. Am liebsten mögen wir den Blick von der Hohen Brücke über das Nikolaifleet auf die Rückseite der Deichstraße. Auf der Straße ist viel los, also ist es hier nicht ruhig, aber wir haben einen ungestörten Blick aufs Wasser und die Häuser.

Die Deichstraße an sich ist gar nicht so besonders wie man denkt, dafür, dass sie eine DER historischen Straßen Hamburgs ist. Klar, die Häuser haben ihren Charme, wirken aber ein wenig verloren im Gegensatz zu den modernen Blockbauten auf der anderen Straßenseite. Übrigens sind nicht alle Fassaden der Deichstraße echte Originale. Einige wurden auf den Grundmauern der alten Gebäude neu errichtet. 

Zwischen den Häusern gibt es zwei versteckte Durchgänge: Einer befindet sich vor der Hausnummer 39, der andere bei der Nummer 21. Über das Fleet führt ein Steg und erlaubt uns, die historischen Bauten aus nächster Nähe zu betrachten. Es gibt hier sogar eine kleine Infotafel, die mehr Details zu den Häusern verspricht. Allerdings muss man sich schon sehr anstrengen, um etwas entziffern zu können, denn Schrift und Bild sind sehr verblasst. 

Trotz allem sind wir froh, dass wir die historischen Gebäude der Deichstraße unser nennen können, denn auch sie sollten 1972 im Rahmen einer Stadtsanierung verschwinden. Auch hier rettete eine Volksinitiative die Häuser.

Sie erzählen ein Stück Hamburger Geschichte. Im 19. Jahrhundert war dies der direkte Weg zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Stadt. Hier standen die hanseatischen Kaufmannshäuser, die wir uns mit Hilfe der Gassen auf unserer Liste ein wenig besser vorstellen können.

#7 Reimerstwiete

Zum Schluss haben wir noch einen echten Geheimtipp für euch: Obwohl die Reimerstwiete nur gefühlte zwei Minuten von der Deichstraße entfernt liegt, treffen wir hier niemanden. 

In seliger Ruhe betrachten wir die Häuser aus dem 17. Jahrhundert. Die Hausnummern 20 und 21 sind sogar aus dem Jahr 1633 und auch eine der wenigen Wohn- und Speicherhäuser, die den Mai 1842 überlebt haben. Vor den Häusern stehen Stühle und Tische, die zum Verweilen einladen. Das ist echte hanseatische Gemütlichkeit!

Die Häuser der Reimerstwiete prägen sogar noch heute das gesamte Bild der kurzen Gasse. Die modernen Gebäude gegenüber der alten Häuser sind dem Fachwerkstil nachempfunden. Sie blenden perfekt ins Bild ein mit den roten Backsteinen und hohen Fenstern. Ein wunderschöner Abschluss für unseren Stadtspaziergang.

Lisa Knauer

Carolin Simon

Unsere kleine Weltenbummlerin Caro hat den Weg zurück in die Heimat gefunden und ist ab jetzt auf Entdeckertour in Hamburg unterwegs. Sie liebt den Hamburger Hafen und ist immer auf der Suche nach schönen Märkten und neuen Food Ideen.