Jüdischer Salon am Grindel

Jüdischer Salon am Grindel10 Jahre Kultur & Café

Das jüdische Leben im Grindelviertel ist so lebendig wie lange nicht mehr! Mit der Eröffnung des Café Leonar und des damit verbunden Jüdischen Salons 2007 wurde erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges jüdische Kultur in Hamburg wieder öffentlicher zelebriert. Im Januar feierten Café und Salon 10-jähriges Bestehen und begeistern damals wie heute mit einem vielseitigen Kulturprogramm.

Vor dem Café Leonar im Grindelhof.

Zuhause im Grindel

Wer unweit des Campus der Uni Hamburg den Grindelhof entlang spaziert, kann das Café Leonar eigentlich gar nicht verfehlen. Das Café mit der großen Fensterfront ist stets gut besucht: Hier treffen sich Studenten, Anwohner aus dem Grindel trinken ihren ersten Café und lesen dazu die Tageszeitung, Freunde treffen sich zum Frühstück, sogar Touristen finden den Weg hierher. Die Atmosphäre des Cafés ist unaufgeregt, einladend und gemütlich. Die Regale voller Bücher fallen uns sofort ins Auge, gleich nach der langen Theke, die das Herz des Lokals bildet. "Eintreten und wohlfühlen" trifft hier wirklich zu!

An der Theke entlang und vorbei an der Küche gelangt man in einen kleineren, quadratischen Raum. Hier schlägt das Herz der neuen jüdischen Kultur Hamburgs. Seit dem Rückzug in die Gründungsräume blüht der Jüdische Salon am Grindel neu auf. Zwei bis drei Kulturveranstaltungen finden monatlich in den Räumlichkeiten statt. Hier treffen wir heute Barbara Guggenheim; sie war an der Gründung des Jüdischen Salons 2007 beteiligt und gestaltet mit elf weiteren Mitgliedern auch heute noch das Programm des Salons.

Barbara Guggenheim

Zur Person

Barbara ist Gründungsmitglied des Vereins Jüdischer Salon am Grindel. Die Schweizerin zog es vor 25 Jahren nach Hamburg, heute fühlt sie sich hier zuhause. Ursprünglich war sie an der Buchhandlung Samtleben + Guggenheim im Café Leonar beteiligt, heute ist sie, wie alle anderen Mitglieder, ehrenamtlich im Salon tätig. Das Team des Salons am Grindel setzt sich aus 12 Hamburgern jüdischer und nicht-jüdischer Herkunft zusammen, die Themen aus ihrem persönlichen Fachgebiet in den Grindelhof 59 bringen.

Wir haben Mitgründerin Barbara Guggenheim zum Interview getroffen.

Ein offener Raum für alle Hamburger

Was jetzt besonders jüdisch an diesem Raum ist? „Ach, Hauptsache es ist gemütlich“, sagt Barbara und lacht. Trotzdem hat Gründungsmitglied und Architekt Andreas Heller dem Salon kleine Besonderheiten verpasst. Zum einen schmückt auch hier wieder ein deckenhohes Bücherregal eine Wand des Zimmers, natürlich ausgestattet mit jüdischer Literatur. Ein besonderes Detail fällt uns aber erst ins Auge, als Barbara uns darauf aufmerksam macht: Ein Stück der Wand neben dem Bücherregal ist unverputzt geblieben als Symbol für den zerstörten Tempel in Jerusalem – eine alte Tradition jüdischer Innenarchitektur.

Themen im Jüdischen Salon

Zwei bis drei Veranstaltungen finden monatlich statt. Dabei ist der Salon ein offener Raum für Diskussionen mit Autoren, Regisseuren, Wissenschaftlern, Musikern und anderen Künstlern. Sie alle, persönlich oder durch ihre Werke, haben einen jüdischen Bezug und geben den vielfältigen Themen so ein gemeinsames Motiv.

Regale voller Bücher jüdischer Literatur.

Kleiner Exkurs zur Geschichte des Jüdischen Salons am Grindel

Einst ein pulsierendes Viertel jüdischen Lebens, wissen heute viele Hamburger nicht, wie sehr sich der Grindel aufgrund der Nazi-Diktatur verändert hat.

Der ehemalige Platz der 1939 zerstörten Synagoge wurde lange als Parkplatz für die Universität genutzt; erst fünfzig Jahre später wurde er umgestaltet, mit einem Bodenmosaik sowie einer Gedenktafel versehen und nach dem letzten Oberrabiner Hamburgs Joseph Carlebach benannt. Auch das Gebäude der Talmud-Tora-Schule, gleich neben dem neugestalteten Platz, wurde erst 2004 von der Stadt zurück an die Jüdische Gemeinde Hamburg gegeben. Seit 2007 wird hier wieder unterrichtet. Langsam öffnete sich der Weg für ein neues jüdisches Leben in Hamburg.

Im gleichen Jahr ist die Musikagentin Sonia Simmenauer auf dem Weg zu ihrem Drucker des Vertrauens. Ohne Vorwarnung eröffnet ihr Wolfgang Fläschner, dass er seine Druckerei schließen müsse, ob Sonia nicht jemand kenne, der Interesse an den Räumlichkeiten hätte. Mit ihrer Gegenfrage „Könnte ich den Laden übernehmen?“ hätte Herr Fläschner wohl nicht gerechnet.

Sonia Simmenauer

Zur Person

Die Kammermusik-Agentin Sonia Simmenauer ist keine gebürtige Hamburgerin, sondern wuchs südlich von Paris auf. Ihr Familie floh während des Dritten Reichs nach Frankreich und überlebte den Holocaust. Nicht ihre Wurzeln zogen sie zurück nach Hamburg, sondern ihr erster Mann. Erst als sie sich angekommen fühlt, erkennt sie die besondere Verbindung zum Grindel, dem ehemaligen jüdischen Viertel der Stadt. Sie hatte den Traum von einem jüdischen Salon und erfüllte sich ihn. Heute lebt sie in Berlin und besucht nur noch ab und zu den Salon, trotzdem bleibt sie ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft.

Sonia Simmenauer im Café Leonar. © Roland Magunia // Dorfmüller Klier

Sonias Traum

Sonia ist sofort Feuer und Flamme. Mit Freunden spricht sie über ihre Idee. Barbara erzählt: „Sofort hat sie mit einigen, eben auch mir, darüber zu sprechen begonnen, dass es ihr ewiger Traum war, einen jüdischen Salon und ein Café zu gründen. Einen Ort, an dem Veranstaltungen nicht unbedingt mit religiösem Inhalt, sondern mit Fokus auf die jüdische Kultur stattfinden.“

Schnell war eine Gruppe gefunden, die ihre Begeisterung teilte. Alle hatten sie Ideen, vor allem das Essen im Café beschäftigte sie. Jeder wollte Erinnerungen aus der Kindheit mit in das Café bringen. Auch das Programm des Salons wurde reichlich gefüllt – die Eröffnung am 15. Januar 2008 war ein voller Erfolg.

2-3 Veranstaltungen finden monatlich im Salon statt.

Zum Namen: Café Leonar

„Wolfang holte einen braunen Umschlag hervor, aus dem er alte Werbebroschüren der Fotopapierfirma Leonar zog. „So soll dein Café heißen: Café Leonar!“ So wurde nicht nur der Name, sondern auch das Logo der Leonar-Werke, das mein Großvater hatte entwerfen lassen, als er Mitte der 20er Jahre die Leitung der Firma übernahm kaum überarbeitet, zum Logo vom Café Leonar.“

Sonia Simmenauer in der Jubiläumsbroschüre des Jüdischer Salon am Grindel e.V.

So schloss sich wieder ein Kreis in der Geschichte von Sonias Familie: Ihr Vater floh 1938 mit seinen Eltern aus Hamburg. Sonia erweckte das Familienerbe „Leonar“ zu neuem Leben.

Als die Besitzerinnen des Gebäudes am Grindelhof verkaufen wollten, war die Zukunft von Café und Salon länger ungewiss und es war eine willkommene Botschaft, als klar wurde, dass man an den Ursprungsort würde zurückkehren können. Seit 2014 befinden sich Salon und Café wieder am Grindelhof 59.

Nehmt Platz und lernt jüdische Kultur kennen.

Was bedeutet Jüdischsein?

„Wir haben ein Publikum aus Menschen, die gar nicht unbedingt jüdisch sind, sondern die sich für Kultur von Literatur bis Psychoanalyse interessieren“, sagt Barbara. Genau das sei es, was den Salon ausmache: eine Vielfalt an Themen und Menschen, die in einem offenen Ambiente zusammenkommen.

„Was mich antreibt das hier zu machen“, erzählt Barbara, „ist, dass es keine Schwellenangst bei uns gibt, hineinzukommen und eine Veranstaltung zu besuchen. Bei uns kommt man eben einfach. Unsere Tür steht immer offen.“

Es ist uns wichtig, ohne die Vergangenheit zu verleugnen, ein Jüdisches Leben im Jetzt und Hier abzubilden. Wir füllen das Ganze jetzt mit unserem Leben.

Barbara Guggenheim

Jüdische Kultur zu neuem Leben erweckt.

Im Jetzt und Heute

Es ist eben nicht alles schwarz und weiß. Die Geschichte des Judentums besteht nicht nur aus dem Holocaust und die Gemeinde, nicht nur aus konservativen Rabbinern. Die vielen Anfragen zum Thema Holocaust werden zu einem Großteil an andere Organisationen weitergeleitet. Auch wenn das zuerst für Enttäuschung sorgt: „Es gibt viele andere Institutionen, die sich mit der Aufarbeitung dieses Kapitels beschäftigen. Es ist uns wichtig, ohne die Vergangenheit zu verleugnen, ein Jüdisches Leben im Jetzt und Hier abzubilden. Wir füllen das Ganze jetzt mit unserem Leben“, kommentiert Barbara.

Und zu diesem Leben gehört das Judentum. Eine Religion, die mit vielen Vorurteilen behaftet ist. Oft denken wir, etwas gut zu kennen, obwohl wir eigentlich nur mit einer Facette in Kontakt gekommen sind. „Gerade jetzt, wo der Antisemitismus wieder zugenommen hat, würde ich mir wünschen, dass wir im Stande wären, gewisse Vorurteile abzubauen“, sagt Barbara.

Veranstaltungstipp

Mittwoch, 21. Februar, 20 Uhr

„Desintegration“ – ein Diskussionsabend mit Micha Brumlik, Max Czollek und Anna Schapiro
In „Desintegration“ geht es um unterschiedliche jüdische Positionen, die Jüdischsein in Deutschland neu definieren. Sie wollen weg von der eingespielten Opferrolle hin zu neuen künstlerischen und gesellschaftlichen Perspektiven: Integration, ohne sich zu verleugnen.
Eintritt: 10€ (Anmeldung nicht erforderlich, aber erwünscht)

Traut euch und besucht einfach mal ein Event des Salons - das Programm ist vielfältig!

Lisa Knauer

Wir danken Barbara Guggenheim für das Interview, das wir mit ihr im Jüdischen Salon am Grindel geführt haben.

Carolin Simon

Unsere kleine Weltenbummlerin Caro hat den Weg zurück in die Heimat gefunden und ist ab jetzt auf Entdeckertour in Hamburg unterwegs. Sie liebt den Hamburger Hafen und ist immer auf der Suche nach schönen Märkten und neuen Food Ideen.