Lost in Hamburg

Lost in HamburgDie Schilleroper auf St. Pauli

Eigentlich kennen wir unsere Stadt ja schon ganz gut. Sogar so gut, dass wir ab und an Taxifahrern oder Touristenführern den Weg weisen. Und dann gibt es die Tage, an denen wir doch verloren gehen. Und zwar absichtlich! In unserer neuen Serie Lost in Hamburg möchten wir euch gemeinsam mit Stadtexperte und Illustrator Till Lenecke einige der schönsten und verlassensten Ecken vorstellen. Part 1: Die Schilleroper.

Unser Experte

TILL LENECKE

Till Lenecke, 1972 in Hamburg geboren, hatte sich schon als Drucker, Erzieher, Postbote und Seemann versucht, bevor er im Zeichnen und Illustrieren seine Berufung fand. Noch vor seinem Studium in Aachen und Münster zeichnete er Comicbeiträge für das Magazin ZACK. Die meisten Geschichten von ihm wurden aber im Magazin Horrorschocker veröffentlicht. Kurze Spannungsgeschichten, welche der Zeichner auch selbst textete.

Während des Studiums verlagerte sich seine Arbeit auf klassische Illustration und fertigte in der Folge Vignetten für das Rowohltbuch „Schaurigschöne Spukgeschichten“ und längere Arbeiten für die „Helden der Kindheit“ an. Till lebt mittlerweile in Münster.

Hamburg ist eine sehr alte Stadt. Gegründet zur Zeit von Karl dem Großen. Doch man sieht der Stadt ihr Alter nicht an. Das Alte wurde abgerissen, überbaut. Es verschwand, ging verloren. Übrig blieben ein paar Häuser und Straßenzüge, die zu Sehenswürdigkeiten wurden und viel zu häufig fotografiert worden sind. Till wollte selbst auf die Suche gehen. Unauffällige und vor allem unbekannte Sehenswürdigkeiten finden, die das Alter unser Stadt bezeugen können.

Das kann ein altes Straßenschild in Frakturschrift sein. Oder gleich ein ganzer Straßenzug. Aus der Zeit gefallen seit dem großen Brand von 1842. Mit der Zeit wurde sein Beuteschema großzügiger. Denn die richtig guten Zeitkapseln sind in dieser Stadt leider dünn gesät. Till nahm dann auch andere interessante oder weitere Funde in seine Sammlung auf. Bewaffnet mit seiner Kamera fotografierte er alles und fertigte später eine Zeichnung davon an. In seinem Buch Hidden and Lost Places stellt er all seine Funde aus, die ihm auf dieser Reise begegnet sind.

Die Schilleroper:

Ein echtes Relikt der Vergangenheit. Der letzte steinerne Zirkus auf St. Pauli. Wahrscheinlich deshalb noch existent, weil er so weit ab vom Kiez liegt. Aus Fußgängerperspektive springt die Schilleroper nicht gerade ins Auge. Ein baufälliges Gebäude eben. Eine Nachkriegsruine, wie es sie in den 1990er in Hamburg noch viele gab.

Die Schilleroper ist ein ehemaliges Theater in Hamburg-St. Pauli und Namensgeberin der Straße »Bei der Schilleroper«. Derzeit steht das in Deutschland einzigartige Gebäude mit der amtlichen Belegenheit »Bei der Schilleroper 14/16/20« leer.

Der durch Krieg und Abnutzung veränderte runde Stahlskelettbau war 1889 bis 1891 für den Circus Busch erbaut worden. Er wurde 1891 mit einer Galavorstellung eröffnet und fasste in seinem Zuschauerraum über 1000 Besucher. In Nebengebäuden befanden sich u.a. Artistenwohnungen, ein Requisitenfundus und Elefantenställe. Der Zirkus zog von dort bereits 1899 in einen neuen festen Zirkusbau am Zirkusweg nahe der Reeperbahn um. Die Gestalt des ehemaligen Zirkus ist im Verlauf des 20. Jahrhunderts mehrfach verändert worden. Die letzte Nutzung des Zentralbaus als auch der Anbauten endete im März 2006 mit Schließung des Subkultur-Club »Schilleroper«.

Die Schönheit wird erst aus der Vogelperspektive deutlich. Genau wie der Verfall des alten Amüsierbetriebes.

Das Buch

TILL LENECKE

Hidden and Lost Places schickt seine Leser auf eine Entdeckungsreise durch das moderne Hamburg, auf eine Suche nach unauffälligen und unbekannten Sehenswürdigkeiten. Interessante Zeitkapseln werden sichtbar, wie der letzte steinerne Zirkus auf St. Pauli, die Schilleroper. Die Trabrennbahn in Farmsen und andere Orte aber sind für immer verloren.

Das Buch, verbunden mit seiner digitalen Erweiterung, macht Vorhandenes und Vergangenes sowohl sichtbar als auch hörbar. Fotos, Illustrationen und Audiomaterial des Hamburgers Till Lenecke führen uns die Geschichte der zweitgrößten deutschen Stadt vor Augen und Ohren.

Jan Traupe

Janni ist einer der beiden Gründer von Geheimtipp Hamburg und schreibt eigentlich über alles, was er bei seinen Streifzügen durch die City entdeckt. Ein besonderes Faible hat er für gute Bars & Restaurants, liebt aber auch die unzähligen grünen Ecken in der Stadt.