Macht Schau!

Macht Schau!Ein Tag auf den Spuren der Beatles (Part 1)

Wer Beatles sagt, muss auch Hamburg sagen. Hier nahm die Karriere der Fab Four ihren Lauf – und zahlreiche Plätze erinnern auch heute noch an ihre Zeit in der Hansestadt. Wir sind mit dem Beatles-Experten Ulf Krüger einen Tag lang durch Hamburg gelaufen und haben 12 der wichtigsten Locations für euch zusammengetragen. 

Dieses Zitat von John Lennon ist legendär und zeigt die Verbundenheit der Pilzköpfe zu Hamburg. Im ersten Teil unseres Beatles-Specials werden wir euch auf unserer Route zeigen, wo die Beatles überall gespielt und aufgenommen haben. Im zweiten Teil lest ihr, was abseits der Musik alles passiert ist.

„Ich bin in Liverpool aufgewachsen, aber in Hamburg erwachsen geworden.“

John Lennon

Friedrich Ebert Halle

Harburg? Wir schauen ein bisschen ungläubig, als Ulf uns unseren ersten Reisestopp mitteilt. Doch wer bei den Pilzköpfen nur an die Reeperbahn denkt, liegt leider falsch. Erinnert ihr euch noch an den Song „My Bonnie (is over the ocean)“? Und genau der wurde in der Friedrich Ebert Halle aufgenommen. Die 1930 erbaute Halle diente wegen ihrer guten Akustik seit Mitte der 50er Jahre den Plattenfirmen Polydor und Philips als Aufnahmestudio. Am 22. und 23. Juni 1961 betraten die Beatles den Saal und stellten mit lauten Instrumenten und wildem Look die Welt des Tonmeisters auf den Kopf. Gemeinsam mit dem in Hamburg bereits bekannten Musiker Tony Sheridan nahmen die Engländer unter dem Namen „Tony Sheridan And The Beat Brothers“  ihre erste professionelle Platte auf. Direkt nach einem ihrer unzähligen Konzerte im Top Ten Club fuhren sie dafür am frühen Morgen übermüdet vom Kiez ins ferne Harburg.

Doch woher kam der Name „The Beat Brothers“? Ulfs Erklärung: „Es wird behauptet, das Wort Beatles erinnerte die Leute zu sehr an das Hamburger Slangwort „Piedels“, welches wiederum öfter mal für das männliche Geschlechtsteil eingesetzt wurde.“ So entschied man sich kurzerhand dafür, der Truppe aus Liverpool einen unverfänglicheren Namen zu geben. Zum Glück wurden die folgenden Alben dann in England aufgenommen und die Beatles konnten ihren Namen behalten. Nichts desto trotz ist die Friedrich Ebert Halle heute Wallfahrtsstätte für Beatles-Fans weltweit – selbst internationale Bands versuchen auf den Spuren der Beatles immer wieder, hier einige ihrer Songs aufzunehmen.

Eine Gedenktafel im Eingangsbereich der Halle erinnert nach wie vor an die denkwürdigen Aufnahmen der Fab Four– eigentlich. Als wir ankommen, ist jedoch weit und breit nichts von der Plakette zu sehen. Wir werden in die Katakomben zum Hallenwart geschickt, wo das gute Stück gerade steht. Hier erfahren wir, dass in der letzten Zeit mehrmals versucht wurde, die Tafel zu entwenden. Sie soll jedoch – gut gesichert – in den nächsten Wochen wieder an ihrem angestammten Platz aufgehängt werden. Und dann steht der uneingeschränkten Beatles Experience nichts mehr im Wege.

Beatles-Platz

Von Harburg aus geht es mit der S-Bahn über den Hauptbahnhof zur Reeperbahn. Als wir den S-Bahnhof an der Großen Freiheit verlassen, befinden wir uns direkt an unserem nächsten Stopp. 2008 wurde den Beatles hier nach einem großen Spendenmarathon ein Denkmal gesetzt: Der Beatles-Platz. Auf einer kreisrunden Fläche von knapp 30 Metern Durchmesser befinden sich fünf metallene Silhouetten – die Beatles-Formation der frühen 60er. Neben John, Paul und George waren zu dieser Zeit noch Pete Best (Schlagzeug) und Stuart Sutcliffe (Bass) mit an Bord. Pete wurde in den folgenden Jahren von Ringo Starr ersetzt, Stu stieg 1961 aus und Paul übernahm die Bassgitarre.

Die Kreisrunde Fläche symbolisiert eine Schallplatte, in deren goldenen Rillen die Hits der Beatles eingraviert sind. „Es wurde damals lange überlegt, wie so ein Denkmal am besten aussehen soll, damit es gegen Vandalismus geschützt ist und den Fans zudem einen Mehrwert bietet“, verrät Ulf. Man entschied sich letztendlich für die relativ unangreifbare Silhouettenform. So kann jeder Besucher sich für einen kurzen Moment selbst wie ein Beatle fühlen und ein schönes Erinnerungsfoto schießen. Auch wenn der Beatles-Platz nichts - wie eingangs beschrieben - mit den Auftritten und Aufnahmen der Beatles zu tun hat, macht er auf unserer Marschroute an dieser Stelle durchaus Sinn und hat deshalb eine kleine Sonderstellung.

Top Ten Club

Nur unweit des Beatles-Platzes bleiben wir vor dem Club Mondoo stehen. Es ist Samstagnachmittag und zahlreiche Passanten sind auf den Straßen unterwegs. Strahlender Sonnenschein. Hamburg zeigt sich von seiner schönsten Seite. Niemand würdigt den Eingang auch nur eines Blickes. Ob jemand weiß, was sich damals hinter den Türen des Clubs zugetragen hat? Im Jahr 1960 eröffnete hier ein Rock’n’Roll Schuppen, der zur wichtigsten Station der Beatles während ihrer gesamten Hamburg-Zeit werden sollte – der Top Ten Club.

Hier haben die Beatles knapp drei Monate am Stück gespielt – das längste zusammenhängte Engagement ihrer Karriere. „Der Top Ten Club war der erste ernstzunehmende Rock’n’Roll Laden in Hamburg und hatte nach und nach die Stars des Kaiserkellers abgeworben“, erzählt Ulf. Gemeinsam mit Tony Sheridan standen die Beatles Abend für Abend auf der Bühne und spielten sich die Hände wund. Als Belohnung bekamen sie eine unglaubliche Routine. „Ob krank, müde oder besoffen: Wenn du so oft auf der Bühne stehst, kannst du dein Set irgendwann im Schlaf spielen“, so Ulf. Und diese Spielroutine sollte sich in den folgenden Monaten und Jahren noch  bezahlt machen. Aber auch eine andere Eigenschaft zeigte sich mehr als eindrucksvoll: Sie waren Entertainer und konnten auf ihr Publikum eingehen. Wenn um 4 oder 5 Uhr nach einem langen Konzertabend kein Mensch mehr zuguckte und die Putzfrauen kamen, wusste Paul, dass einer der Frauen das Lied „Besame mucho“ besonders gut gefiel. Und so spielte er den Song Abend für Abend nur für sie. Einfach so, weil er es wollte. Was hier im Kleinen funktionierte, wurde später auch im Großen umgesetzt.

Im Mondoo versteck sich also ein Stück Popgeschichte, auch wenn die Innenausstattung des Clubs mit dem damaligen Zustand nicht mehr viel gemeinsam hat – ähnlich sieht‘s leider mit der Musikauswahl aus. Wer jedoch nochmal einen Rest Beatles-Luft schnuppern möchte, hat von Donnerstag bis Samstag Gelegenheit dazu. Vom Mondoo gehen wir die Reeperbahn wieder ein Stück zurück und biegen am Beatles Platz in die Große Freiheit ein.

Star Club

Rechts neben der Olivia Jones Bar finden wir den Durchgang zu einem kleinen Hinterhof – hier stand bis 1969 der weltberühmte Star Club. Stand? Ja, denn leider ist das Gebäude viele Jahre nach der Schließung einem Brand zum Opfer gefallen und wurde 1986 komplett abgerissen. Zur Erinnerung stellte man einen Gedenkstein auf, der an die guten alten Zeiten erinnern soll und von zahlreichen Künstlernamen geziert wird: Jimi Hendrix, Chuck Berry, Ray Charles – die Liste der aufgetretenen Musiker liest sich beeindruckend. Laut Ulf weltweit einer der wichtigsten  Musikclubs, wenn nicht DER wichtigste Musikclub für die Entwicklung der Beat-Musik.

Die Beatles waren nach der Gründung 1962 eine der ersten Bands, die für ein Engagement verpflichtet wurden. Für eine Gage von 500 Euro pro Kopf und Woche spielten sie vom 13. April bis 31. Mai 1962 sieben Tage die Woche. Es folgten zwei weitere Gastspiele am Ende des Jahres. Der Club war die letzte Station, bevor es für die vier Musiker zurück nach Hause ging. Die Beatles hatten zu dieser Zeit in ihrer Heimat bereits erste Charterfolge. „Bei ihrer letzten Konzertreihe im Dezember 1962 bekamen sie 700 DM pro Kopf und Woche – für damalige Verhältnisse eine stolze Summe“, sagt Ulf. Dafür standen sie  aber auch jeden Abend auf der Bühne. Wir möchten genau jetzt gerne die Zeit zurückdrehen und gemeinsam mit Jimi, Ray und den Beatles durch den Star Club springen. Nach einem nostalgischen Seufzer verlassen wir den Hinterhof und finden kaum 20 Meter weiter den nächsten Hot Spot.

Kaiserkeller

Bei den Hamburger Rockjüngern für seine  Musik geliebt, hat sich der Kaiserkeller in der Großen Freiheit 36 seit seiner Gründung 1959 fest auf dem Kiez etabliert und über die Jahre nur unwesentlich verändert. Am 4. Oktober 1960 traten hier fünf Musiker aus Liverpool auf, nachdem sie aus dem benachbarten  Indra wegen Lärmbelästigung herausgeworfen wurden. Die jungen Beatles spielten im Kaiserkeller mehrere Wochen lang jeden Abend rund sieben Stunden und beschallten abwechselnd mit der Band Rory Storm and the Hurricanes den Saal. „Die Beatles waren wie eine menschliche Musikbox und spielten ihre Songs stundenlang – sie waren dabei oftmals mehr Hintergrundmusik als eine bewusst wahrgenommene Live-Band. Im Star Club waren die Auftritte mit zunehmender Popularität bereits wesentlich kürzer“, sagt Ulf. Die Abende im Kaiserkeller waren für den späteren Verlauf ihrer Karriere jedoch trotzdem mehr als wichtig: Denn in der Band Rory Storm and the Hurricanes spielte ein gewisser Ringo Starr, den sie hier jeden Abend beobachten konnten – und der später Pete Best am Schlagzeug ersetzen sollte.

Bevor wir gehen, hat Ulf noch eine kleine Anekdote parat: „Während ihrer Auftritte lieferten sich die Beatles mit Rory Storm and the Hurricanes einen Wettbewerb darum, wer die morschen Bretter der Bühne als erstes kaputtmachen konnte.“ Wir schauen etwas verdutzt – für uns waren die Beatles immer die netten Jungs aus Liverpool, die keiner Fliege etwas zuleide tun konnten. Da waren die Engländer also doch mehr Rock`n`Roll, als wir bisher wussten. Der Wirt rief dazu immer wieder „Macht Schau“ – also „macht Show“. Letztendlich gelang es Rory Storm, die Bretter zu zertrümmern. Wenigstens das. Weltbild wieder halbwegs hergestellt. Der kleine Kampf sollte allerdings nicht die letzte Überraschung für uns gewesen sein. Doch alles zu seiner Zeit. Wir überqueren die nächste Kreuzung und stehen dort, wo alles begann.

Indra

Am 17. August 1960 spielten die Beatles mit Pete Best am Schlagzeug und Stuart Sutcliffe am Bass ihren ersten Gig in Hamburg – und zwar in genau dem schönen roten Gebäude, vor dem wir uns jetzt gerade befinden. Neben dem benachbarten Grünspan wird das Indra manchmal gar nicht so richtig wahrgenommen. Doch für Fans und Musiker weltweit ist der kleine Club am Ende der großen Freiheit eine Kultstätte, in der immer wieder Beatles-Revivalkonzerte stattfinden. Eine Plakette rechts neben der Tür erinnert an das erste Engagement auf Hamburger Boden. Insgesamt 48 Auftritte absolvierten sie im Indra.

Als Gage gab es bescheidene 30 DM pro Kopf und Tag. Schwer verdientes Geld, das sie sich wochentags mit 4,5 Stunden, am Samstag sogar mit sechs Stunden erspielen mussten. Oftmals mussten sie vor einem sehr überschaubaren Publikum auftreten: „Bürgerliche junge Leute trauten sich damals gar nicht in die Große Freiheit, die eher einer dunklen Gasse glich und Sammelstelle für Seeleute und allerlei Halbstarke war“, sagt Ulf. Heutzutage mit all den blinkenden Lichtern und tausenden von Touristen kaum vorstellbar. Wir gehen ans Ende der Großen Freiheit und biegen nach links in die Paul-Roosen-Straße ein.

Hempel's Beatles Tour

„Ich bin in Liverpool aufgewachsen, aber in Hamburg erwachsen geworden.“

Vielleicht kann man diesen Satz von John Lennon nach dem ersten Teil unseres kleinen Rundgangs schon ein bisschen besser nachvollziehen. Keine Stadt außerhalb von England hat die Geschichte der Beatles so sehr geprägt wie die Hansestadt an der Elbe. Und wer lieber in professioneller Begleitung auf den Spuren der Beatles über den Kiez schreitet, dem seien die Touren von Stefanie Hempel ans Herz gelegt. Mit Ukulele und jeder Menge Hintergrundwissen führt die Sängerin Touristen aus aller Welt bereits seit über 12 Jahren durch die Geschichte der Beatles.

Die besondere Beatles-Tour über den Kiez

Ulf Krüger / Archiv

Vielen Dank an Ulf Krüger für die spannende Tour durch Hamburg.

Daniel Szewczyk

Daniel ist besonders dort in seinem Element, wo er regelmäßig seiner Leidenschaft für Musik, Film und allerlei Literatur nachgehen kann. Mit Hamburg hat der norddeutsche Jung seine Kultur-Oase gefunden. Hier arbeitet er als PR-Redakteur und freier Journalist.