Nebenan und doch verkannt: Harburg

Nebenan und doch verkannt: HarburgEin Blick in Hamburgs Süden

„Ich komm aus Harburg“ – das ist für viele mehr ein Geständnis als ein Statement. Harburg ist halt im Süden, gehört irgendwie nicht richtig dazu und cool ist es dort auch nicht. Wir sind über die Elbe gesegelt und haben mal mit den ganzen staubigen Vorurteilen aufgeräumt.

Am Sand findet von Montag bis Samstag ein Wochenmarkt statt! © Cristina Lopez

Harburg - Was dagegen?

Harburg hat total viel Potenzial. Hier wurde nicht nur viele Jahre das Hamburger Kult-Bier Astra gebraut, der Stadtteil zeichnet sich auch durch sensationelle Parks und Wälder sowie einen tollen Hafen aus. Harburg ist ein altes Arbeiterviertel – etwas rau, aber sehr bunt und echt. Ur-Harburger, bürgerlicher Mittelstand, Flüchtlinge und Migranten leben hier zusammen. Und abseits von Billigbäckern und Ein-Euro-Shops kann man in Hamburgs Stadtteil der Kontraste ein paar richtig schöne Ecken entdecken.

 

Schon gewusst?

Wenn’s für Harburger zum Hauptbahnhof geht, dann fahren sie nicht in die Innenstadt, sondern nach Hamburg. Grund dafür, dass Harburg in den Köpfen immer noch nicht richtig dazugehört, ist geschichtlich begründet. Harburg war ursprünglich nämlich eine eigenständige Stadt mit preußischer Tradition – nicht mit einer hanseatischen wie Hamburg. Erst 1937 wurde Harburg durch das nationalsozialistische „Groß-Hamburg-Gesetz" zwangseingemeindet.

Harburg kann auch historisch! © Cristina Lopez

Harburch

Fakten

# 1 Harburg hat seinen Namen tatsächlich von einer Burg, der Horeburg ("Sumpfburg"). Sie wurde um 800 n.Chr. erbaut und diente ursprünglich als Grenzfestung der Grafen von Stade. 

# 2 Gummi, Gummi, Gummi: Sowohl die New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie als auch die Phoenix AG ließen knapp 150 Jahre lang in Harburg produzieren. Beide Firmen waren lange Zeit der prägende Industriebetrieb des Stadtteils und schufen tausende Arbeitsplätze. 

# 3 Harburg hat den Döner neu erfunden – und zwar mit der Dönertüte. Die Idee kam der Ur-Harburgerin Nürüyon Sarioglu in der Wohnküche. Gesagt, getan: Der eigene Imbiss "Döner Queen" wurde zum vollen Erfolg. Das besondere ist, dass hier auch weibliche Mitarbeiterinnen arbeiten. Das schreit nach Frauenpower! 

Klein aber fein: Die H(ar)Burger Altstadt

Hier gibts kein HAMburger, sondern HARburger! © Cristina Lopez

Hier gibts kein HAMburger, sondern HARburger! © Cristina Lopez

Zwischen trostloser 60er-Jahre-Architektur und den modernen Neubaukomplexen des Binnenhafens hat sich ein Hauch Altstadtflair im Herzen Harburgs erhalten: die Lämmertwiete. Sechs der windschiefen Fachwerkhäuser stehen unter Denkmalschutz, ein Großteil stammt aus dem 16. & 17. Jahrhundert. Heute tummeln sich Restaurants und Kneipen entlang Harburgs schönster Ausgehmeile.

Eine echte Perle ist das Black Rock, ein lässiges Burger-Restaurant in alten Gemäuern. Besprühte Wände, zusammengewürfelte Möbel und bunte Türen bilden hier einen schönen Bruch zu den alten Dielen und Holzböden. Aber das Black Rock (ehemals HBurger) begeistert nicht nur durch sein ungezwungenes Ambiente, auch die Speisekarte verspricht einiges: Hot Chili Burger, Süßkartoffelpommes, New York Cheesecake – das klingt nicht nur gut, sondern ist auch richtig lecker. Ein Pluspunkt: Bei gutem Wetter gibt es ausreichend Außenplätze zum Sonne tanken und Häuser gucken – was will man mehr?

Hamburgs zweiter Stadtpark

Hach, ist das idyllisch hier! © Cristina Lopez

Hach, ist das idyllisch hier! © Cristina Lopez

Hach, ist das idyllisch hier! © Cristina Lopez

Hach, ist das idyllisch hier! © Cristina Lopez

Hach, ist das idyllisch hier! © Cristina Lopez

Hamburg hat nicht einen Stadtpark, sondern zwei! Der malerische Außenmühlenteich ist der ganze Stolz vieler Harburger und die perfekte Anlaufstelle zum Tretbootfahren, Picknicken und Joggen. Hier findet ihr Ruhe, Idylle und Natur. Trotz der vielen Sitzmöglichkeiten, Barbecue- und Spielplätze hat der Park einen verwunschenen und ursprünglichen Charme. Bei einem Spaziergang könnt ihr blühende Seerosen und wilde Schwäne bestaunen – super für Familienausflüge und Sonntagsspaziergänge. Tipp: Gerade bei Sonnenuntergang ist die Atmosphäre besonders.

Ein Ausflug nach Entenhausen & Gotham City

Ein Paradies für Comic-Freaks © Cristina Lopez

Ein Paradies für Comic-Freaks © Cristina Lopez

Ein Paradies für Comic-Freaks © Cristina Lopez

Ein Paradies für Comic-Freaks © Cristina Lopez

„Eines Tages werden wir sterben, Snoopy!“ – aber bis dahin bleibt noch ganz viel Zeit zum Stöbern im Racing Rainer. Das kleine Comicgeschäft in Harburgs Zentrum ist von oben bis unten mit neuen und gebrauchten Comicheften vollgestopft. 50er bis 90er Jahre, Mangas, Superhelden – das riesige Sortiment wird die Herzen aller Asterix, Donald Duck und Spiderman Fans unter euch höherschlagen lassen. Ein Pluspunkt: Die Mitarbeiter sind selbst passionierte Comicliebhaber und mit Herzblut dabei. Kundenfreundlichkeit wird hier großgeschrieben. Deshalb ist das Racing Rainer ist nicht nur zum Schätze aufspüren die richtige Adresse, sondern auch, wenn du einfach ein bisschen über deine Lieblingscomics quatschen willst.

Ab ans Wasser!

Viel ruhiger als der Elbstrand: Der Harburger Hafen © Cristina Lopez

Viel ruhiger als der Elbstrand: Der Harburger Hafen © Cristina Lopez

Viel ruhiger als der Elbstrand: Der Harburger Hafen © Cristina Lopez

Viel ruhiger als der Elbstrand: Der Harburger Hafen © Cristina Lopez

Die Harburger lieben ihren Hafen – hier wird nicht nur das Feierabendbier getrunken, Fahrrad gefahren und in edlen Restaurants geschlemmt, sondern bei gutem Wetter auch geangelt. Zentrum des Binnenhafens ist der Kanalplatz. Im Vergleich zum Elbstrand oder der HafenCity ist es hier noch ziemlich unbevölkert. Der perfekte Ort zum Sonnenbaden, Freunde treffen und Füße baumeln lassen. Am Kanalplatz stehen schicke Neubauwohnungen gegenüber einer Flüchtlingsunterkunft; genau wie der Stadtteil selbst ist auch der Hafen ein Ort voller Gegensätze – das macht das Erkunden umso reizvoller!

Eine der schönsten Aussichten übers Wasser habt ihr von der alten Harburger Elbbrücke. Die Verbindungstelle zwischen Harburg und Wilhelmsburg ist die letzte Portalbrücke der Stadt, wurde Ende des 19. Jahrhunderts erbaut und steht unter Denkmalschutz. Kommt am besten zum Sonnenuntergang – und bringt einen Klappstuhl mit.

Der älteste Kiosk Hamburgs

Nen Kaffee und ne Bockwurst, bitte! © Cristina Lopez

Nen Kaffee und ne Bockwurst, bitte! © Cristina Lopez

Auch im Harburger Hafen, nur wenige hundert Meter vom Kanalplatz entfernt, könnt ihr Hamburgs ältestem Kiosk einen Besuch abstatten. Die grauen Blechwände sind mit Aufklebern gepflastert, ein rotweißes Schild mit der Aufschrift „Trinkhalle seit 1876“ prangt über der vergitterten Verkaufsluke - der Kiosk Blohmstraße ist nicht schick, hat dafür aber ganz viel Flair. 139 Jahre lang kauften Hafenarbeiter und Fernfahrer hier 'nen heißen Pott Kaffee und 'ne Bockwurst. 2015 stand die Bude dann vor dem Aus und sollte für neue Bauprojekte Platz machen. Neue Betreiber konnten die Harburger Institution retten – zum Glück! Geöffnet hat der Kultkiosk im Harburger Hafen nur noch sporadisch. Aber wenn die Luke aufgeschlossen wird, dann gibt es immer noch Kuchen und Bockwurst, so wie in guten alten Zeiten.

Kunst in einer ehemaligen Gummifabrik

Es wird kreativ © Henning Rogge

Es wird kreativ © Henning Rogge

Internationale Kunst trifft auf Harburger Industrie: Seit 2001 befindet sich die Sammlung Falckenberg in einer ehemaligen Fabrikhalle der Phoenix-Werke. Hier wurden knapp 150 Jahre lang Gummiwaren aller Art hergestellt. Der Gummi hat Platz gemacht – für eine Privatsammlung der Extraklasse. Expressiv, modern und speziell: Ausgestellt wird vor allem deutsche und amerikanische Gegenwartskunst. Auch für größere Installationen und multimediale Projekte ist hier Platz – die hohen Decken und großflächigen Räume machen es möglich. Seit 2011 gehört die Sammlung Falckenberg zu den Deichtorhallen. Einziges Manko: Die Ausstellungen sind hauptsächlich im Rahmen von Führungen zugänglich. Die sind dafür aber ansprechend gestaltet, super interessant und sogar mehrmals wöchentlich.

Das Venedig Portugals im Süden Hamburgs

Fast wie am Atlantik! © Cristina Lopez

Fast wie am Atlantik! © Cristina Lopez

Fast wie am Atlantik! © Cristina Lopez

Fast wie am Atlantik! © Cristina Lopez

Im Hinterhof versteckt sich eine gemütliche Sitzecke! © Cristina Lopez

„Das Venedig Portugals“ – so wird Aveiro zuweilen genannt. Idyllische Sandstrände und weitläufige Kanäle machen die kleine Küstenstadt zu einer der schönsten an der portugiesischen Westküste. Die ausgedehnte Wasserlandschaft der Ria de Aveiro gibt es in Harburg zwar nicht zu bestaunen, aber ein Hauch Atlantik-Feeling hat es trotzdem in Hamburgs Süden geschafft. Im Café Ria de Aveiro könnt ihr zu traditioneller Fado-Musik cremigen Galão schlürfen und süße Natas kosten. Das Café verbindet eine gemütliche Kaffeehausatmosphäre mit einem authentisch portugiesischen Ambiente. Die Preise sind angemessen, das Angebot einfach und lecker, die Bedienung freundlich. Hier fällt es nicht schwer sich vorzustellen, man sitze 2.500 Kilometer südlich von Hamburg in einem kleinen portugiesischem Küstencafé. Kommt vorbei und träumt von bunten Altbauhäusern, atlantischer Sommerhitze, eleganten Booten und einer Fahrt auf dem Canal de São Roque.

Beats im Bahnhof

Lichter, Lichter, Lichter! © Stellwerk

Lichter, Lichter, Lichter! © Stellwerk

Bässe erfüllen die Luft, die gewölbten Decken und ockerfarbenen Backsteinwände werden von bunten Scheinwerfern angestrahlt. Wenn ihr einen Blick aus den großen Fensterfronten werft, eröffnet sich euch ein weitläufiger Blick über Gleise, Weichen und Bahnhofslichter. Nur vier Stationen von Hauptbahnhof entfernt versteckt sich eine echte Perle unter Hamburgs Livemusikclubs. Im Stellwerk könnt ihr Kultur, Kino und Konzerte in einer einmaligen Location genießen. Über ein halbes Jahrzehnt diente der Raum mitten im Harburger Fernbahnhof als reiner Jazzclub, heute werden hier Goa-Partys, Poetry Slams und Filmabende veranstaltet. Steigt in die Bahn und lasst euch von der einzigartigen Atmosphäre verzaubern.  

Ein kleines Stück Italien

La bella Italia! © Cristina Lopez

La bella Italia! © Cristina Lopez

La bella Italia! © Cristina Lopez

La bella Italia! © Cristina Lopez

La bella Italia! © Cristina Lopez

La bella Italia! © Cristina Lopez

Ah, la bella Italia! Wer kennt das nicht – die beißende Sehnsucht nach Mittelmeersonne, italienischem Temperament und leckerer Pizza. Ein kleines Stück Italien könnt ihr im Ristorante Mercato mitten in Harburgs Innenstadt erleben. Das gemütliche Restaurant wird von einem temperamentvollen Italiener betrieben – deshalb ist es hier super authentisch und echt italienisch. Fliesenboden, karierte Tischdecken und italienische Flaggen entführen einen sofort in „das Land, wo die Zitronen blühen“ – ein echter Geheimtipp für alle Liebhaber italienischen Lebensgefühls! Zu Schlemmen gibt es alles, was zu einem waschechten italienischen Restaurant eben dazu gehört: knusprige Pizzen, leckere Pasta und guten Wein. Buon appetito!

Die ehemalige Fischhalle

Die ehemalige Fischhalle © DasFilm

Die ehemalige Fischhalle © DasFilm

Der Harburger Hafen steckt voller verborgener Schätze! Direkt am Wasser, mit Blick über die Elbe, wartet ein weißgetünchtes Backsteingebäude auf euren Besuch. In der ehemaligen Harburger Fischhalle ist in den vergangenen Monaten ein neues Kulturzentrum mit maritimen Flair entstanden. Statt Fisch wird hier jetzt Kaffee und Kuchen verkauft. Das Kulturzentrum ist ein Projekt des Hamburger Journalisten und Musikers Werner Pfeifer. Sein Wunsch ist es, mit dem Raum einen neuen Harburger Treffpunkt zu schaffen und Menschen zusammenzubringen. Euch erwarten regelmäßige Ausstellungen und Konzerte. Schaut vorbei!

Cover: Cristina Lopez

Tabitha Wedemann

Nachdem Tabitha die letzten sieben Monate durch die Weltgeschichte gereist ist, hat sie jetzt ihren Weg zurück nach Hamburg gefunden, um ihrer Leidenschaft fürs Schreiben nachzugehen. Wenn sie nicht gerade in Cafés sitzt, Gedichte verfasst oder über Festivals tanzt, erkundet sie am liebsten all die besonderen Ecken ihrer Heimatstadt!