Oevelgönner Seekiste

Oevelgönner SeekisteEines der letzten echten Stücke Hamburgs

Oevelgönne, romantischer Dorfcharakter an der Elbe. Egal ob Quiddje oder Hamburger, wir alle sind dem Charme der Fachwerkhäuser und kleinen Gärten, die direkt an den Elbstrand anschließen, verfallen. Trotzdem wissen nur wenige, dass sich hier eines der kuriosesten und schönsten Museen Hamburgs versteckt. In einem alten Kapitänshaus befindet sich die Oevelgönner Seekiste der Familie Lührs mit 300 Jahren Elbgeschichte zum Anfassen.

Das Kapitänshaus der Familie Lührs

Eine Oevelgönner Perle

Wann seid ihr das letzte Mal den Oevelgönner Weg entlang spaziert? An einem der schönen Sommertage ganz bestimmt! Erinnert ihr euch an das schöne, weiße Haus, das sich an zweiter Stelle links befindet, wenn ihr von der Strandperle die Treppen hoch zum Strandweg lauft? Hier baumelt ein kleines Holz-Schild in Form eines Pottwals. Durch das Tor zum Hinterhof rechts geht’s zur Oevelgönner Seekiste. Hier sind wir heute mit Uschi Lührs, Museumswärterin der Seekiste, verabredet.

Als wir um die Ecke in den Hinterhof biegen, trällert uns schon ein herzliches „Moin!“ entgegen. Uschi, immer mit Elbsegler, begrüßt uns vorm Eingang des vielleicht kleinsten Museums Hamburgs. Ihre erste Frage an uns: „Wie gut kennt ihr euch denn mit maritimen Themen aus?“ Na, ja, wir nehmen regelmäßig die Fähre, beobachten gerne das Treiben auf der Elbe und Bestaunen zum Hafengeburtstag die großen Segler – unsere Vorstellung von der Seefahrt und dem Leben am Wasser ist nicht zuletzt durch Filme und Bücher eher romantisch geprägt. Uschi wird uns an diesem Nachmittag noch über so manche Dinge aufklären.

Ein Museum zum maritimen Hamburger Leben

Seemannsgarn und Familiengeschichten

„Ihr werdet jetzt gleich ein circa 300 Jahre altes Kapitänshaus betreten“, sagt Uschi ehe sie die Tür des kleinen Fachwerkhäuschens öffnet. Aber bevor wir über den kleinsten Kompass der Welt staunen, die Stirn runzeln als Uschi uns die Schuppe einer Meerjungfrau präsentiert und später eine Haiflosse unter die Nase hält, spulen wir kurz mal ein paar Jahre zurück.

In einer Silvesternacht vor knapp 20 Jahren lernte Uschi Hannes Lührs kennen, der sich ihr mit den Worten „Ich bin der Sohn vom Käppn, besitze ein Museum und Störtebekers Bein“ vorstellte. Damals lachte sie nur und hätte niemals geglaubt, einmal wirklich Störtebekers Bein in der Hand zu halten und regelmäßig einen Pottwalpenis abstauben zu müssen. „Wenn ich damals gewusst hätte, was da auf mich zukommt, keine Ahnung, ob ich es gemacht hätte“, sagt Uschi heute.

Hannes, wirklich Besitzer eines Museums und Erbe des Familienbesitzes der Oevelgönner Gründerfamilie Lührs, wollte selbst keine Führungen in der Seekiste geben, versprach aber seinem Vater, Herbert „Käppn“ Lührs, auf dessen Sterbebett, dass er 10 Jahre warten würde, ob sich nicht doch jemand passendes zur Fortführung des Museums finden würde. Sein würdiger Nachfolger solle Geschichten, Mitmenschen und vor allen Dingen Kinder lieben, sein Alter haben und ein Mann sein. Nun wurde es nicht ein Uwe, sondern Ursula, die das Museum mit so viel Hingabe pflegt, dass es Käppn Lührs sicher völlig egal wäre, dass eine Frau sein Herzstück weiterführt.

300 Jahre Familiengeschichte

Es sind nur fünf Räume, die alle mit Zeugnissen aus der Geschichte Oevelgönnes gefüllt sind, und doch könnte Uschi Stunden um Stunden Geschichten erzählen. Ob Seemannsgarn oder nicht, wir glauben ihr an diesem Nachmittag alles. Wir tauchen ein in das Leben einer echten Hamburger Familie und lernen nebenbei noch einiges über das Dasein an der Elbe. „Das Schöne am eigenen Museum: Man kann die Vitrine öffnen und alles anfassen“, sagt Uschi: „Hier soll jeder mitmachen können.“

Zu den Exponaten gehören alte Familienfotos, kuriose Mitbringsel von Seefahrern, Fundstücke vom Strand und noch vieles mehr. Alles, was sich in geschätzt 300 Jahre Jahren bei der Familie Lührs angesammelt hat, wurde aufgehoben. Wir lernen wie die Oevelgönner früher ihren Lebensunterhalt verdienten, wie prägend der Walfang für die Region war und wie ein Seemann auf großer Fahrt lebte. Der bereits erwähnte Pottwalpenis, den Käppn Lührs von der legendären Hamburger Wirtin Hermine erbte, ist nur eines der naturkundlichen Ausstellungsstücke, die uns ins Staunen versetzen. Und damit ist nicht Schluss, aus jeder Kiste und Vitrine holt Uschi ein neues interessantes Stück zu dem sie prompt eine unterhaltsame Story liefert. Kaum zu glauben, dass Uschi vor ein paar Jahren mit all‘ den maritimen Geschichten gar nichts anfangen konnte.

Wer waren die Lührs?

„Die Familie meines Mannes waren ursprünglich Strandpiraten von Helgoland“, erzählt uns Uschi. Sie lebten von den verlorenen Ladungen angelegter oder auch gekenterter Schiffe, denn das Strandrecht besagte, dass die Finder das Strandgut behalten dürften. Es kam dabei natürlich auch vor, dass Schiffe unter diesen Aussichten mit Leuchtfeuern fehlgeleitet wurden, um sie absichtlich zum Kentern zu bringen. Ihre Sammelleidenschaft hat sich über die Jahrhunderte bewahrt, sodass Käppn Lührs 1972 mit dieser Sammlung ein ganzes Museum eröffnen konnte.

Käppn Lührs war ursprünglich kein Strand- oder gar Seepirat, sondern ein Bootsbauer, den das Fernweh plagte. All' seine Vorväter waren Kapitäne, nur er konnte wegen einen Augenfehlers nicht als Kapitän zur See fahren. „Käppn Lührs träumte immer davon, die Welt zu bereisen. Als daraus nichts wurde, entschloss er sich, die Welt zu sich nach Hause zu holen“, erzählt Uschi. Im Hinterhaus stellte er die Objekte aus der Familiengeschichte aus und baute sich in einem der Zimmer originalgetreu eine Kapitänskajüte nach. Hierher lud er sich Seefahrer ein und träumte von der weiten Welt.

Uschi hat so einige Geschichten auf Lager.

Geschichten für die Ewigkeit

Heute sitzen wir auf der Eckbank der Kapitänskajüte, lauschen Uschis Geschichten und schlürfen eine heiße Tasse Kaffee. „Bis ich kam, befand sich das Museum in einer Art Dornröschenschlaf“, sagt Uschi. Vier Jahre brauchte sie, um alles wieder auf Vordermann zu bringen. Und auch heute bedarf das alte Haus viel Pflege, trotzdem bleibt sie davon überzeugt, dass es ihre Aufgabe ist, dieses, eines der letzten echten Stücke Hamburgs zu erhalten.

Wie sie sich die ganzen Geschichten angeeignet hat? Stunden verbrachte sie mit alten Tonbandaufnahmen von Käppn Lührs Führungen. Familien, Nachbarn und auch gelegentlich Besucher erzählten ihre viele Geschichten. „Ich habe keine Ahnung, wie das alles in meinem Kopf bleibt“, sagt sie lachend.

Auch wenn Uschi vielleicht keine echte Lührs ist, ist die Familie, die an so vielen Stellen in Oevelgönne ihren Fußabdruck hinterließ, sicher sehr stolz eine so würdige Nachfolgerin gefunden zu haben. Übrigens geht auch die Strandperle auf die Familie Lührs zurück, bloß dass sie damals noch nicht Strandperle hieß. Aber das ist eine andere Geschichte, eine die euch Uschi bestimmt gerne erzählt, wenn ihr sie in der Oevelgönner Seekiste besucht.

Besuch in der Oevelgönner Seekiste

Führungen nur nach Anmeldung per Mail oder telefonisch (gerne auf den Anrufbeantworter sprechen!)

Einfache Führung
mit Kaffee

Mittlere Führung
mit Kaffee und Kuchen
- ab vier Personen -

Große Führung
mit Kartoffelsuppe, Krabben, Brot, Wein und Mineralwasser
- ab acht Personen -

Gründer der Oevelgönner Seekiste: Herber "Käppn" Lührs

Lisa Knauer

Dieser Beitrag ist auf redaktioneller Ebene entstanden. Wir bedanken uns herzlich bei Uschi Lührs für den Empfang und die Führung durch die Oevelgönner Seekiste.

Carolin Simon

Unsere kleine Weltenbummlerin Caro hat den Weg zurück in die Heimat gefunden und ist ab jetzt auf Entdeckertour in Hamburg unterwegs. Sie liebt den Hamburger Hafen und ist immer auf der Suche nach schönen Märkten und neuen Food Ideen.