Ein Fenster, ein paar Buchstaben, eine Melodie & ein Ohrwurm: Chris Campe dekoriert seit anderthalb Jahren ihr Fenster zum Schaufenster-Karaoke. Wir haben der Designerin ein paar Fragen über die Idee dahinter gestellt.

GTH:
Wie ist die Idee zum Schaufensterkaraoke entstanden?
Chris:
Im Sommer 2014 hatte ich gerade den Schlüssel für mein neues Büro abgeholt und war in der Druckwerkstatt, in der ich manchmal arbeite. Dort stand ich über die Schublade gebeugt, in der ich die großen Pappbuchstaben aufbewahrte, die bei einem Ausstellungsprojekt übriggeblieben waren. Im Radio lief Hands Up Baby Hands Up. Das war dann der erste Text, den ich mit den Pappbuchstaben ins Schaufenster gehängt habe, einfach nur so. Sofort haben Passanten darauf reagiert: Sie haben angefangen zu singen. Ich dachte "Wie cool! Ich probier mal einen anderen Text. Mal sehen, ob das da auch funktioniert“. Bei BUT / THE KID / IS NOT / MY SON standen zwei Frauen vor dem Fenster und haben für ihre kleinen Kinder Billy Jean geschmettert. Ab da war es für mich nicht mehr nur Quatsch, sondern ein richtiges Projekt. Es heißt inzwischen Schaufensterkaraoke, weil die Leute wirklich anfangen zu singen.

GTH:
Wie reagieren die Leute auf dein Fenster?
Chris:
Die Leute freuen sich, wenn sie das aktuelle Lied erkennen. Regelmäßig klopft jemand an, um mir zu sagen, wie toll er die Idee findet. Das Fenster ist ein beliebtes Fotomotiv. Es hat Fans auf Facebook und Instagram und wird sogar analog kommentiert: Ich finde immer mal wieder Lob und Anregungen in meinem Briefkasten. Es ist wie ein analoger Blog. Ich habe am Anfang gar nicht darüber nachgedacht, dass das Schaufensterkaraoke so ein Kommunikationsanlass sein würde. Und auch nicht, dass es als Werbung für meine Arbeit als Designerin funktionieren und mir sogar Aufträge einbringen könnte. Aber ich habe dadurch schon sehr viele Leute kennengelernt, analog und digital. Einmal kam einer an die Tür: "Entschuldigung, ich wollte nur mal fragen – war hier vor kurzem eine Trennung?“ "Hä?! Ja … aber die ist auch schon wieder ein halbes Jahr her.“ "Ich bin nämlich auch gerade frisch getrennt und die Texte haben immer gepasst wie die Faust aufs Auge!“
GTH:
Wie oft wechselst du denn deine Lyrics?
Chris:
Wie ich Zeit, Lust und Ideen habe. Im Moment fast jede Woche, sonst aber auch mal nur alle drei oder vier Wochen.

Was hängt aktuell im Fenster?

GTH:
Woher nimmst du die Ideen dafür: Ein aktueller Ohrwurm oder alte Lieblingslieder?
Chris:
Innerlich singe ich glaube ich immer, nur manchmal ist der Ton abgestellt. Wenn ich sehr müde bin, singe ich "La Paloma“ oder "Guantanamera“ vor mich hin, die beiden Lieder scheinen meine Ohrwurm-Standardeinstellung zu sein. Für die Lyrics führe ich eine Liste, in der ich Ideen sammle und dann gucke ich, was gerade passt. Die Regeln: englische Hits der 1950er bis 1990er, der Songtext muss so kurz sein, dass er sich in drei oder vier Zeilen umbrechen lässt. Das Lied muss allgemein bekannt sein, damit es nicht zu schwer zu erraten ist. Am meistens macht es Spaß, wenn die Lieder so bekannt sind, dass die Leute wirklich anfangen zu singen, sobald sie den Text sehen. ALL THE LEAVES / ARE BROWN / AND THE SKY / IS GRAY zum Beispiel hat super funktioniert. Damit es aber auch nicht zu einfach ist, dürfen es keine Titel von Liedern sein und möglichst auch keine Refrains.

GTH:
Haben die Texte eine Bedeutung für dich oder ist das eher random, was dir gerade einfällt?
Chris:
Es gibt meistens einen Bezug: Entweder zu meinem Leben, zur Jahreszeit oder zu dem, was sonst gerade so passiert. Für einen der Fans, mit dem ich inzwischen befreundet bin, habe ich mal eine kommentierte Fassung der bisherigen Schaufenstertexte geschrieben – er war sehr überrascht, welche Höhen und Tiefen meines Lebens dahinterstecken. Besonders viel Spaß machen mir Texte, in denen es um Genderidentitäten geht: I’M NOT HALF / THE MAN / I USED / TO BE und Texte, in denen die Worte "Musik“ oder "Sing“ vorkommen: MUSIC / OF THE FUTURE / AND MUSIC / OF THE PAST oder SING ALONG / WITH US / DEE DEE / DEE DEE DEE. Aber die Lyrics sind ja so offen, dass alle sie ganz auf sich selbst beziehen. Als ich gerade I’M NOT HALF / THE MAN / I USED / TO BE ins Fenster geschrieben hatte und davor stand um das Fenster zu fotografieren, stellte sich ein alter Mann neben mich und sagte mit starkem amerikanischen Akzent: "I’m not half the man I used to be – true words …“

GTH:
Nimmst du auch Liedwünsche an?
Chris:
Gegenfrage: Hast du dir jemals erfolgreich von einem vernünftigen DJ ein Lied gewünscht? Manche Leute versuchen, sich Lieder zu wünschen. Aber die Lyrics, die sie vorschlagen, kenne ich oft nicht und dann kommen sie sowieso nicht in Frage. Meistens passen sie auch nicht zu meiner bisherigen Song-Auswahl. Ich mache das Schaufensterkaraoke seit anderthalb Jahren und bin bei Karaoke #57. Erst zwei Leute haben es geschafft, Vorschläge zu machen, die ich dann wirklich aufgegriffen habe. Aber probieren kann man es natürlich immer.
GTH:
Was machst du sonst, wenn du nicht dein Schaufenster dekorierst?
Chris:
Ich bin Designerin und mit meinem Büro All Things Letters auf Typografie und handgestaltete Schrift spezialisiert. Ich konzipiere und gestalte ALLES mit Buchstaben: Bücher, Cover, Illustrationen, Logos, Verpackungen, Wände – und eben Schaufenster. Außerdem habe ich zwei eigene Bücher über Hamburg veröffentlicht: das Hamburg Alphabet mit Fotos von 220 alten Ladenschildern in alphabetischer Reihenfolge und den zweisprachigen Reiseführer Toller Ort mit 200 Fünfzeilern über "Hamburgs besten Läden & Adressen“.

CHRIS CAMPE

All Things Letters ist das Designbüro von Chris Campe in Hamburg. Sie löst Designprobleme mit Text, Schrift und Typografie und gestaltet ALLES mit Buchstaben: Bücher, Cover, Logos, Illustrationen, Websites, Wände, Räume und eben Schaufenster.

Petra Maier

Petra würde am liebsten die ganze Welt bereisen, fühlt sich aber auch in Hamburg sehr wohl. Sie fotografiert so ziemlich alles, was ihr vor die Nase kommt. Nebenbei bloggt sie. Sie liebt Chili-Schokoladen-Eis und ihr Zuhause am Bodensee.