Südlich der Elbe: Wilhelmsburg

Südlich der Elbe: WilhelmsburgEin Sprung in ein pulsierendes Viertel

„Alles südlich der Elbe ist Bayern.“ Nicht ganz, aber das Leben hier ist nicht dasselbe. Zumindest anders, als manch Hamburger vielleicht erwartet. In Wilhelmsburg passiert gerade einiges. Grund genug, den größten Stadtteil Hamburgs besser kennenzulernen. Wir sind über die Elbe gesprungen und haben uns neu in Hamburg verliebt.

Wilhelmsburg wurde so richtig durch die Internationale Gartenschau 2013 ins Gedächtnis gerufen. Die Stadt hatte die Elbinsel aber schon lange auf dem Plan. Seit 2004 wird diskutiert, was dort alles passieren soll und seitdem hat sich einiges getan. Neben dem Inselpark sind unter anderem neue Hotspots im Flakbunker und im alten Wasserwerk entstanden. 

Willemsborg

5 Fakten

#1 Die Elbinsel ist nicht nur der größte Stadtteil Hamburgs, sondern auch die größte Flussinsel Europas.

#2 Es zieht immer mehr Menschen nach Wilhelmsburg: In den letzten 15 Jahren ist die Bevölkerung um fast 15 Prozent gewachsen.

#3 Der Stadtteil gehört zum Bezirk Hamburg-Mitte.

#4 Schon zu preußischen Zeiten 1888 wurde Wilhelmsburg als „Goldland der Zukunft“ bezeichnet; allerdings war damit die ideale Nutzung als Industriegelände gemeint.

#5 Während der Gastarbeiterwelle in den 1960er wurde Wilhelmsburg zum Einwandererstadtteil Nummer Eins.

Wir packen Wilhelmsburg wieder auf die Karte

Nicht ganz unbeteiligt daran war die Unternehmerin Anne Meier. Sie investierte 2013 mit dem Café vju in den Hochbunker und hat erst dieses Jahr den kulinarischen Campus im alten Wasserwerk eröffnet. Für sie ist Wilhelmsburg der zur Zeit spannendste Stadtteil Hamburgs.

„Ich gehörte damals mit zu der Welle, die etwas bewegen wollte“, sagt Anne und beschreibt damit die Generation lokaler Unternehmer, die Hamburg verändern wollten. Weg von der Industrie und vom Mainstream, ran an die individuellen, besonderen Orte. Anne ist Spezialistin für Off-Locations und fühlt sich südlich der Elbe längst heimisch. Das macht sie zur perfekten Begleiterin auf unserer Entdeckungstour durch Wilhelmsburg.

Sonnenschein Anne ist in bester Sommerlaune

Guten Morgen, die Sonne scheint!

Es ist der wärmste Tag seit einer gefühlten Ewigkeit. Perfekte Voraussetzungen also für einen Ausflug in den Hamburger Süden. Fenster runter, Radio aufdrehen, Sonnenbrille auf der Nase – wir sind bereit und stehen daraufhin direkt im Stau auf der B4. Langsam schlängeln wir uns vor bis zu den Elbbrücken und haben bei der Fahrt über die Elbe das erleichternde Gefühl, das vollgestopfte Hamburg hinter uns gelassen zu haben.

Wir sind mit Anne in Nord-Wilhelmsburg verabredet. Am Spreehafen soll der Sprung über die Elbe am deutlichsten werden. So die Theorie, praktisch sind wir nämlich zuerst ein wenig verloren. Zu unserer Verteidigung: Die erste Location, die wir besuchen, ist ein echter Geheimtipp, der nicht so einfach an der Straße ausgeschildert ist. Glücklicherweise findet Anne uns und weist den Weg zu einem Anleger direkt hinter dem Klütjenfelder Hauptdeich.

Der Sprung über die Elbe

Der vjuPORT ist ein privater Anleger, der zum vju im Energiebunker gehört. Er verbindet die City mit Wilhelmsburg. Der vjuPort wird nur für besondere Events vermietet und vom vju für eigene Veranstaltungen genutzt. Mehrere Boote stehen bereit, um Besucher an den Landungsbrücken einzusammeln und durch den Hafen in den Süden zu schippern. Ein wunderbarer Empfang an der Waterkant, wo wir uns ganz fern von der Hamburger City und ein kleines bisschen wie im Urlaub fühlen. Wir stellen uns vor, wie hier über dem Hafen die Sonne nach einem ereignisreichen Tag untergeht – wunderschön!

Neue Energie für Hamburg

Mehr als 60 Jahre stand der Flakbunker als riesiges Mahnmal ungenutzt im Herzen des Stadtteils. Die Wilhelmsburger hatten sich schon an den grauen Klotz gewöhnt und waren zuerst skeptisch, als IBA Hamburg 2010 mit umfassenden Sanierungen begann. Dazu gehören heute ein regeneratives Kraftwerk mit Großwärmespeicher und die vju Dachterrasse mit Café-Anschluss.

Von der Terrasse haben wir einen ungestörten Blick auf Hamburg: Richtung Norden blicken wir auf die berühmten Sehenswürdigkeiten Elbphilharmonie und Michel. „Als ich zum ersten Mal hier stand, hatten die Sanierungen noch nicht begonnen. Der Bunker war eine Ruine und überwuchert von irgendwelchen Pflanzen. Aber als ich diesen Blick sah, dachte ich: ‚Wow, das muss einfach was werden!’“, erzählt uns Anne.

Der Energiebunker ist das einzige Kraftwerk weltweit, das mitten in einem urbanen Raum liegt. Die Geschichte und innovative Nutzung des Bunkers machen ihn zu einer Top Hamburger Sehenswürdigkeit. Vor allem ein Blick in das Herz des Kraftwerks ist beeindruckend: Umgeben von Beton und vor einem riesigen Speicher, der 2 Millionen Liter Wasser fasst, fühlen wir uns sehr klein.

Wilhelmsburger Urgesteine

Anne führt uns zu einer echten Institution in Wilhelmsburg. Seit fast 29 Jahren betreiben Monika und Peter Flecke den Baguetteladen an der Veringstraße und wohnen auch immer noch über dem Ladengeschäft in der ersten Etage. „Ich bin Wilhelmsburgerin, da ist doch klar, dass man etwas in Wilhelmsburg macht“, sagt Monika Flecke.

Der Laden ist ein Relikt aus 1988 und seitdem scheint sich hier nur wenig verändert zu haben. Weiße und rote Fliesen zieren die Wände, die Auslage ist geprägt von typischen Produkten auf dem Kiosk: Naschtüten und Zigaretten kann man hier ebenso kaufen wie Salate und Baguettes. Letztere sind schon bei allen Wilhelmsburger Generationen bekannt.

Ausflug nach Utopia

Wir sind auf dem Weg Richtung Süderelbe. Je weiter wir der Georg-Wilhelm-Straße nach Süden folgen, desto näher kommen wir auch ländlichen Regionen. Bei der Hausnummer 322 grasen in direkter Nachbarschaft einige Pferde auf einer Wiese. Auf der anderen Seite steht eine alte KFZ-Werkstatt. Hier soll Hamburgs erste Stadtfarm entstehen!

„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“ (Aristoteles) ist das Motto von Stevie und Käthe, die Initiatoren von Minitopia. In Form von mehreren Workshops und Projekten entsteht hier gerade ein kleines Utopia unter der Schirmherrschaft des Vereins Alternation e.V., den die beiden Hamburgerinnen gründeten.

Das Ziel: Selbstversorgung in einem urbanen Raum. Zu den Workshops kann sich jeder, der Interesse hat, anmelden und bei der Entwicklung mitwirken. Dazu gehören zurzeit Projekte in der Upcycling-Werkstatt und zum Thema Lebensmittel. Gerade baut eine Gruppe Hochbeete für den Garten, bald soll es auch ein eigenes Windrad für eine autarke Energieversorgung geben. Bis dahin ist es aber noch viel Arbeit: Immer wieder entdecken sie Schrott oder andere Hinterlassenschaften der Vorgänger auf dem Grundstück. Außerdem will so ein neues Netzwerk auch erstmal organisiert werden. Utopia steckt eben noch in den Kinderschuhen.

Die Insel ist grün

Bei einer Tour durch Wilhelmsburg kommt man nicht drum herum, dem Inselpark einen Besuch abzustatten. Das ehemalige Gelände der Internationalen Gartenschau 2013 ist vier Jahre später noch ein Aushängeschild von Wilhelmsburg.

Anne legt uns als erstes den Bereich rund um das Wasserwerk ans Herz. Neben dem Wasserwerk verbringt sie hier mit ihrem kleinen Sohn am meisten Zeit auf dem Spielplatz Wüstenwellen, am Geysir und dem kleinen Wasserspielplatz. Während die Kinder auf dem Spielplatz toben, lässt es sich auf den umliegenden Wiesen wunderbar entspannen. Wir kühlen am Bachlauf kurz unsere Füße, bevor wir weiter durch den 85 Hektar großen Park spazieren. Hier gibt es übrigens auch wunderschöne Grillplätze.

Wilhelmsburg vom Wasser aus entdecken

Am Kuckucksteich im Herzen des Inselparks hat sich Willi Villa den schönsten Fleck reserviert. Im träumerisch verspielten Café könnt ihr die Seele baumeln lassen und euch mit leckeren Snacks stärken: für eine Kanutour!

Am Anleger könnt ihr euch das Equipment zum Kanufahren, Tretbootschippern oder Stand-up Paddeling leihen. Die Paddeltour auf dem Aßmannkanal schlängelt sich einmal quer durch Wilhelmsburg und endet an einem geselligen Biergarten. Am „Zum Anleger“ könnt ihr dann auch gleich mit einem Bier auf die erfolgreiche Tour anstoßen und die Füße hochlegen, denn es gibt noch mehr zu entdecken.

Der New Yorker Bruder

Die bunte Fassade von Williamsburger ist in der Veringstraße schon ein echter Hingucker. Das kreative Flair des Ladens ist angelehnt an den Namensvetter auf der anderen Seite des großen Teichs. Farbige Fliesen, historische Bilder aus Wilhelmsburg und alte Kabeltrommel als Tische versprühen ein cooles Feeling, ganz wie es sich einer Inhaber des Burgerladens, Gökhan, in Williamsburg, dem Künstler-Stadtteil New Yorks, vorstellt.

Gökhan ist gebürtiger Wilhelmsburger und anstatt von den Möglichkeiten in New York zu träumen, hat er sich seinen Wunsch in der Heimat erfüllt. Vor zwei Jahren kaufte er nicht einen, nein sogar zwei leerstehende Läden in der Veringstraße. „Hier hat sich so einiges verändert und für mich war klar, dass ich auch etwas zu meinem Heimatkiez beitragen möchte“, sagt Gökhan. „Ich kann mich noch erinnern, wie der Laden hier vorher aussah. In der alten Schlachterei habe ich als Kind immer eine Milchschnitte gekauft.“

Aus der Schlachterei wurde ein Burgerladen mit selbstgemachten Frikadellenbrötchen, die sich selbst in New York sehen lassen könnten. In der Küche wird viel Wert auf die eigene Verarbeitung von regionalen Produkten gelegt. Dafür hat Gökhan jetzt auch einen eigenen Gemüsegarten angelegt, um für beide Restaurants frische Zutaten selbst ernten zu können.

Willkommen im japanischen Himmel

Gleich neben Williamsburger befindet sich Gökhans zweiter Laden. Das SuChi hat sich auf eine andere Landesküche spezialisiert: Hier wird exzellentes Sushi serviert. Der Meister in der Küche kreiert kreative Rollen und dazu passende Dips und Saucen. Beim Anblick der Auswahl an Inside-Out Rollen, zwischen Ananas-Mango-Dips und scharfer Wasabi-Mayonnaise können wir uns gar nicht entscheiden und lassen und daher einfach eine kleine Auswahl vom Chef zusammenstellen.

Übrigens veranstaltet SuChi gemeinsam mit dem vju einmal im Monat ein kleines Event. Bei „Eat + VIEW – ein SuChi-Abend über den Dächern von Wilhelmsburg“ dürft ihr ein famoses Sushi-Buffet mit vju genießen.

Ein Speiselokal mit Charakter

Weniger Alkohol, mehr preiswerte Speisen und Kaffee – so der Grundgedanke der Kaffeeklappe, die zuerst London eroberte und 1848 auch nach Hamburg übersiedelte. Das Grundkonzept hat sich die heutige Kaffeeklappe in Wilhelmsburg beibehalten, so gibt es hier nicht nur leckeren Kaffee von der Black Delight Rösterei aus Altona-Nord, sondern auch selbstgebackenen Kuchen, Stullen und andere kleine Speisen.

Hier schmeckt uns der Kaffee und wir fühlen uns sofort pudelwohl. Das Café hat durch die Integration vieler Vintage-Schätze einen ganz besonderen Charme. Einige davon sind sogar Leihgaben aus dem Hamburger Hafenmuseum. So ziert beispielsweise ein Teil des alten Zollzauns die Wand links neben der Theke und ein altes Segel die rechte Wand.

Mit Kooni, die uns unseren Kaffee zubereitet, kommen wir sofort ins Gespräch. Sie erzählt, dass es die Kaffeeklappe nun schon zwei Jahre gibt und sie als Illustratorin gerne einen Comic Jam veranstalten würde. Wo denn unsere letzte Station für heute wäre? Wir erzählen, dass uns von Anne eine Bäckerei die Straße weiter unten empfohlen wurde. „Ach ja, die kennt man hier. Wir kaufen da zum Beispiel auch das Fladenbrot für unsere Paninis“.

Backwaren mit Migrationshintergrund

Wer denkt, wir hätten der türkischen Küche nur den Döner zu verdanken, der ist weit gefehlt. Denn sie hat viel mehr zu bieten, wie zum Beispiel eine fantastische Backkunst. 

Die Bäckerei Kismet ist in ganz Wilhelmsburg bekannt. Hier werden schon seit über 10 Jahren türkische Backwaren über einen Straßenverkauf an Jung und Alt gebracht. Hauchdünner Blätterteig, herzhafte Sesamkringel sowie die berühmten Baklava. Hunger haben wir am Ende unserer Tour durch Wilhelmsburg zwar keinen mehr, wir können aber nicht widerstehen, uns eine kleine Box mit türkischen Naschereien zusammenzustellen.

Vielen Dank an Anne und alle anderen Wilhelmsburger, die uns diesen Tag versüßt haben!

Glücklich in Wilhelmsburg: Unsere Redakteurin Caro

Lisa Knauer

Carolin Simon

Unsere kleine Weltenbummlerin Caro hat den Weg zurück in die Heimat gefunden und ist ab jetzt auf Entdeckertour in Hamburg unterwegs. Sie liebt den Hamburger Hafen und ist immer auf der Suche nach schönen Märkten und neuen Food Ideen.