Das Gedächtnis der Stadtteile

Das Gedächtnis der StadtteileMit Geschichtswerkstätten Hamburg kennen- & verstehen lernen

Hamburg verändert sich täglich; neben neuen Bauprojekten zieht es auch viele Menschen in die Stadt. Quiddje nennt der Hamburger die Neulinge manchmal frech, manchmal abwertend. Unser erklärtes Ziel: vom Fremden zum Insider werden. Wir wollen unsere Nachbarschaft und Stadtteile richtig kennenlernen und verstehen. Dabei helfen uns die Hamburger Stadtteilarchive.

„Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man sich mit seiner Wohngegend identifiziert, sonst werden Viertel austauschbar und ausgeraubt. Wenn wir uns in unserem Stadtteil wohlfühlen, dann engagieren wir uns auch für die Gemeinschaft und setzen uns für Projekte ein“, sagt Gunhild Ohl-Hinz als wir sie im Stadtteilarchiv St. Pauli treffen: „Ansonsten wird man zum Tourist in der eigenen Stadt.“ Seit fast dreißig Jahren ist sie ehrenamtlich in der Geschichtswerkstatt St. Pauli tätig. Ihre Magisterarbeit führte sie 1988 zum ersten Mal in das noch recht neue Archiv, mittlerweile besetzt sie die einzige Teilzeitstelle des Vereins, organisiert Ausstellungen und Rundgänge zu spannenden Geschichten aus St. Pauli.

In Hamburg gibt es insgesamt 21 Stadtteilarchive oder Geschichtswerkstätten. Sie erzählen bei Rundgängen und anderen Events die Geschichte eines Viertels aus der Sicht seiner Bewohner.

Aladin-Kino an der Reeperbahn um 1960, Protest gegen die Gentrifizierung auf St. Pauli & Reeperbahn Ende der 1950er Jahre © St. Pauli Archiv

Erinnerungen und Geschichten aus dem Alltag

Eine Wand voller Bücher und Ordner dominiert den kleinen Raum des St. Pauli Archivs, leere Flächen und das Schaufenster werden geschmückt von Fotos der letzten Ausstellung „Bewegung auf St. Pauli“. Schon diese sechs Fotos zeigen, wie sehr sich der Stadtteil seit der Mitte des letzten Jahrhunderts verändert hat. Wir lachen über das Foto einer älteren Dame, die bei der Eröffnung des alten Schmidt-Theaters über die Leine ihres Hundes steigt, während sie sich auf eine Krücke stützt. Den Neuen Pferdemarkt 1974 hätten wir auf den ersten Blick nicht wiedererkannt. Viele der Fotos und Geschichten stammen aus privaten Archiven, denn sie zeigen Details, die man nicht einfach bei Google findet. Sie erzählen die persönliche Geschichte und können dabei gut und gerne als Gedächtnis des Stadtteils bezeichnet werden.

Hamburger Geschichtswerkstätten

Der Dachverband

Hamburger Stadtteilarchive organisieren sich heute unter dem Dachverband der „Geschichtwerkstätten HH e.V.“. Das Netzwerk ermöglicht einen vereinfachten Austausch und Zusammenarbeit zwischen den Gruppen, ein Kalender listet online alle aktuellen Angebote der Werkstätten auf. Hier könnt ihr sehen, ob es in eurem Stadtteil ein Archiv gibt und wann der nächste Rundgang oder die nächste Ausstellung statt finden.

Eindrücke aus dem St. Pauli Archiv

Lebendiger Stadtteil

Mit eingestaubten Heimatvereinen haben die Geschichtswerkstätten übrigens nichts zu tun. Sie verstehen sich als Netzwerk, Raum zum Austausch und Gemeinschaftsbildung, nicht als Sammler von Bierdeckeln und Postkarten. „Wir wollen hier nicht nur nach hinten blicken und erzählen wie toll St. Pauli früher war, sondern wir versuchen auch im Auge zu behalten, wie sich das Viertel entwickelt und was in den nächsten Jahr hier passieren soll“, sagt Gunhild.

Die Themen sind von Viertel zu Viertel unterschiedlich, das ist auch abhängig von den Interessen der aktiven Mitglieder und des vorhandenen Materials. Gut organisierte Archive wie das auf St. Pauli versuchen, möglichst viele Bereiche aus dem Alltag abzudecken. Das bestätigt uns auch Joachim Szodrzynski, Mitarbeiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg. Er sieht den Grund dafür vor allem im Wandel der Hamburger Gesellschaftsstruktur: „Personen, die ihr ganzes Leben in einer Stadt oder gar einem Stadtteil verbringen, werden, gerade in Hamburg als Zuzugs- und Durchgangsstadt, immer seltener. Der Zugang zu neuen Bewohnern ist sprach- und mentalitätsbedingt nicht selbstverständlich. So geht es aktuell in den Geschichtswerkstätten viel um Strukturwandel vor Ort, Gentrifizierung, wachsende soziale Gegensätze und Spannungen.“

Vielleicht können die Stadtteilarchive in Zukunft einen wichtigen Part bei der Integration spielen.

Seilerstraße 46 um 1930, Flora-Theater am Schulterblatt um 1910 & Spielbudenplatz mit Ballhaus "Trichter", Sommer 1938 © St. Pauli Archiv

Carolin Simon

Unsere kleine Weltenbummlerin Caro hat den Weg zurück in die Heimat gefunden und ist ab jetzt auf Entdeckertour in Hamburg unterwegs. Sie liebt den Hamburger Hafen und ist immer auf der Suche nach schönen Märkten und neuen Food Ideen.