Hamburger Handwerk

Hamburger Handwerk10 Meister ihres Faches

Obwohl echte Handwerkskunst immer mehr zur Rarität wird, verstecken sich in Hamburgs Hinterhöfen und Werkstätten noch viele Handwerker, denen das schmieden, tischlern und nähen einfach im Blut liegt. Einige von ihnen sind die letzten ihrer Art, doch sie sind es, die jahrhundertealte Traditionen und damit ein Stück Hamburger Geschichte in ihren Arbeiten bewahren. Wir zeigen euch, wo in Hamburg noch immer der Hammer hängt!

Das Hamburger Handwerk

Eine zunehmende Rarität

Echte Handwerkskunst ist in den vergangenen Jahrzehnten fatalerweise immer mehr zur Rarität geworden. Zum Buchbinder ließ sich 2016 nur eine einzige mutige Hamburgerin ausbilden, die Stuckateure unserer Stadt erhielten im selben Jahr keinen einzigen Neuzugang. Rund ein Viertel aller in Deutschland lebenden Auszubildenden sind in den gleichen drei Jobs tätig: Als arbeiten als Büro-, Einzelhandelskauffrau oder als medizinische Fachangestellte.

Viele Handwerksberufe sind mittlerweile derart unbeliebt, dass ein langsames Aussterben unausweichlich scheint. Und das, obwohl es so viele spannende, einzigartige und traditionsträchtige Erwerbsbranchen gibt. Einige Hamburger, die gegen den Strom schwimmen, gibt es aber immer noch. Gerade weil sie die letzten ihrer Art sind, verdienen sie all unsere Huldigung und Anerkennung!

Pfeifenbauer

© Gaeth Tabakspfeifen

© Gaeth Tabakspfeifen

© Gaeth Tabakpfeifen

Wir müssen es uns eingestehen: Eine gewisse Seemannsromantik qualmt uns bei Pfeifenrauchen durchaus in die Nase. Was lange Zeit als Passion gediegener, älterer Herren galt, ist heute nicht bloß ein Relikt aus der Haushaltsauflösung des Großvaters. Pfeifenrauchen ist ziemlich knorke - das befindet auch Kai Gaeth, der Pfeifenbauer von Ottensen. In seiner kleinen Werkstatt, in einem Hinterhof der lautstarken Mörkenstraße, fertigt der gelernte Tischler Tabakpfeifen von Hand und hat damit vor knapp zwei Jahren seine Leidenschaft zum Nebenberuf gemacht.

Handwerklern tut er ohne Drehbank, sondern mit Feile und Hobel. Das dauert zwar länger, entlohnt ihn jedoch mit dem direkten Kontakt zum Holz, den er liebt. Kai fertigt echte Liebhaberstücke, wie sie sonst nur in den schmauchigen Träumen der Hamburger Pfeifenverehrer vorkommen. Die hohe Qualität seiner Pfeifen ist das Ergebnis harter Arbeit. Vom Rohling bis zum fertigen Meisterwerk verbringt er gut und gerne anderthalb Tage in seiner Werkstatt. Nach diesen Anstrengungen testet er seine Unikate selbst gerne mal zu einem Glas Rotwein. Verdient hat er sich das allemal.

Wer sich selbst ein Bild von Kais Pfeifen machen möchte, der schaut am besten im Mercado vorbei. Im Weingeschäft Ca Vino findet ihr eine kleine Auswahl der Pfeifen. 

Mützenmacher

Johnny von Albers Ahoi © Lisa Knauer

Mützen wie der Elbsegler sind aus einer Hansestadt wie Hamburg einfach nicht wegzudenken. Ob nun waschechter Seemann oder Teilzeitskipper – eine Schiffermütze gehört zum Hanseaten wie der stoische Wind zum salzigen Meer. Umso erschütternder ist es, dass dem Handwerk des Mützenmachers immer mehr der Schiffbruch droht.

Mittlerweile ist Lars Künzel, Inhaber des Mützenfachgeschäftes Walther Eisenberg, einer der letzten seiner Art. Seit 1892 werden in dem kleinen Laden an der Steinstraße schon handgearbeitete Mützen gefertigt. Drei Generationen lang lag das Geschäft in den Händen der Familie Eisenberg; als sich kein Nachfolger fand, entschied sich der Sohn eines passionierten Seglers das Handwerk zu erlernen.

Wenn Lars Küntzel heute in seiner Werkstatt arbeitet, dann ist er von Bergen an Marinetuch, Ankerknöpfen und Bordüren umgeben. Achtzehn Mützentypen, gefertigt auf alten Nähmaschinen der 20er Jahre und nach alten Original-Schnittmustern, haben das Rad der Zeit überlebt. Selbst Helmut Schmid erstand hier zu seiner Zeit den ein oder anderen Elblotsen. Lars Küntzel macht eben Mützen für echte Hanseaten. 

Stuckateur

© Stuck Werner

© Stuck Werner

Dass das Stuckieren mit dem Anbruch der Moderne aus der Architektur nahezu verbannt wurde, heißt nicht, dass es keine Meister dieses Faches mehr gibt. Gerade in einer Stadt wie Hamburg mit ihren kunstvollen Altbauten und beeindruckenden Hausfassaden hat auch das Handwerk des Stuckateurs noch seinen Platz.

Bereits seit über 100 Jahren fertigt ein traditionsreiches Stuckgeschäft im Herzen Altonas schon Stuckelemente nach historischen Vorbildern und fängt damit ein Stück Vergangenheit zwischen Gips und Zement ein. Stuck Werner ist einer der letzten Stuckateur-Betriebe Hamburgs. Die kunstvollen Rosetten, Stuckleisten und Dekore, die hier aus Meisterhand entstehen, verbinden wir mit Pariser Altbauwohnungen und Palästen aus der Renaissance – doch der Heimathafen der elf Mitarbeiter heißt Hamburg.

Geigenbauer

© Andreas Hampel Geigenbau | Facebook

© Andreas Hampel Geigenbau | Facebook

In den abgelegenen Hochtälern der Dolomiten fanden die italienischen Meister des Geigenbaus vor langer Zeit das ideale Geigenholz. Damit es sein volles Potenzial entfalten konnte, wurde das Holz Ende Dezember bei abnehmendem Mond geschlagen. Die Meister arbeiteten freihändig, schufen ihre Instrumente asymmetrisch wie Gesichter und genauso einzigartig. Der Klang ist bis heute unerreicht.

Andreas Hampel kopiert seit über 25 Jahren die sagenhaften Originale, die bei ihm auf der Werkbank liegen. Dabei speist er aus seiner langjährigen Erfahrung. Das große Geheimnis für die perfekte Geige gibt es nicht, doch seine Instrumente kommen dem Ganzen schon ziemlich nahe. Aus ihnen klingt das Wissen der großen Meister. Deshalb werden seine Geigen zuweilen auch als „jüngere Schwestern der Originale“ bezeichnet. Wie Andreas Hampel das macht? Er hält sich an die Legende, schlägt das Holz Ende Dezember. Dann vertraut er seiner Intuition. Der Geigenbau ist eben sein Lebenswerk.

Segelmacher

Wer am Tor zur Welt lebt, der sollte auch hindurch segeln. Vor allem, wenn die Elbe und damit auch die gesamte Nordsee direkt vor den eigenen Füßen schwimmen. Und weil es fürs Schiffern nun mal ein ordentliches Segel braucht, ist das Handwerk der Segelmacherei keinesfalls totes Terrain.

Seit 1936 fertigt der Traditionsbetrieb Segel Raap Segel und Persenninge für Hamburger Wassernixen, Traditionssegler und Berufsschifffahrer. Dabei sprechen die soliden und zuverlässigen Arbeiten für sich. Gerade bei Museumsschiffen und Traditionssegeln legt die Segelmacherei noch immer großen Wert auf konventionelle Handwerksarbeit; die Kauschen werden unter anderem per Hand eingenäht. Höchste Qualität ist dabei unerlässlich, wie sich das in einer Hafenstadt eben gehört. 

Von der Seeluft zerzaustes Haar, Meersalz auf den Lippen und gerötete Wangen – so fühlt sich doch das Leben an. Jungs und Deerns: Wir wünschen Mast und Schottbruch!

Buddelschiffbauer

© Buddelschiffwerft

© Buddelschiffwerft

Um den Buddelschiffbau rankte sich lange Zeit ein Mysterium. Genau wie um Wassermänner, Geisterschiffe und Riesenkraken wurden auch um die Herstellung von Flaschenschiffen sagenumwobene Geschichten gesponnen. Einem alten Seemannsschnack zufolge gibt es eine Flüssigkeit, die die Hände so geschmeidig macht, dass sie mühelos durch den engen Flaschenhals einer Rum- oder Kornflasche gleiten können, um dort die feinen Arbeiten an dem Modellschiff zu verrichten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Blütezeit des Flaschenschiffbaus, fand diese Legende durchaus eine Vielzahl an lauschenden Ohren. Buddelschippe wurden auf fast allen Schiffen der großen Segler gebaut. Auf ihren langen Reisen ins Kaiserreich China, nach Australien und Chile nutzten sie die Materialien, die zur Hand lagen: Holz, Garn, Tauwerk, Knochen und Zähne vom Wal.

Der Buddelschiffbau ist eng mit der Schifffahrt verknüpft und hat deshalb auch in Hamburg eine Bleibe gefunden. In der Buddelschiffwerft entstehen die filigranen Flaschenschiffe in Handarbeit auf ganz traditionelle Weise – und zwar durch den Flaschenhals. So wird bei der Herstellung echtes Messing, Siegellack und Naturhanf verwendet.

Restaurateur

„Der Restaurateur betreibt das denkbar undankbarste Geschäft. Im besten Falle sieht und weiß man nichts von ihm“, stellte der Kunsthistoriker Max Friedländer einst fest und traf damit den Nagel auf den Kopf. Obwohl das Handwerk des Restaurierens bemerkenswert unersprießlich ist, hat sich die Werkstatt Matthias Brune in den vergangenen dreißig Jahren ebendieser Profession verschrieben.

Seit 1984 konserviert und restauriert der Hamburger Restaurationsbetrieb Gemälde und Skulpturen für internationale Museen, Galerien und private Auftraggeber. Die Werkstatt in der Borselstraße ist damit nicht nur das Hamburger Krankenhaus für antike Kunstwerke und jahrhundertealte Skulpturen, auch wertvolle Mumiensärge aus dem alten Ägypten liegen hier auf der Werkbank.

Das selbsterklärte Ziel? Den historischen Kunstwerken ihren ursprünglichen Rang zurückzugeben. Und genau darin liegt doch letztendlich der Reiz: Obwohl man von dem Handwerk des Restaurateurs nicht viel mitbekommt, trägt er wesentlich dazu bei, jahrhundertealte Kulturen zu erhalten – und stellt damit sicher, dass sie niemals in Vergessenheit geraten.

Vergoldermeister

© Die Vergolderei | Facebook

© Die Vergolderei | Facebook

© Die Vergolderei | Facebook

„Was ich beruflich mache? Ich lasse alles, was ich berühre, zu Gold werden.“ Das klingt pompös, oder? Ist es auch. Anna-Kathrin Hübners ist vielleicht keine Königin, doch ihr Arbeiten sind tatsächlich Gold wert. In ihrem Laden-Atelier am Eppendorfer Weg vergoldet sie französische Spiegel, antike Bilderrahmen und allerlei andere Kuriositäten. Hier ist es so prunkvoll, dass man sich hier fast wie im Schloss Versailles fühlt. Gut, das vielleicht nicht ganz. Dem Sonnenlicht macht Anna-Kathrin Hübners aber durchaus Konkurrenz – so, wie das hier funkelt und schimmernd. Die Vergolderei ist die wohl goldigste Ausführung von Hamburger Handwerkskunst.

Buchbinder

Bücher erzählen Geschichten und das nicht nur durch die Wörter, die in ihnen festgehalten sind. Sie halten Erinnerungen fest; sie fangen die Momente ein, in denen man sie aufgeschlagen hat: Die Nachtzugfahrt nach Paris, den letzten Sommer in der einsamen Waldhütte, die Stunden, die man versunken auf dem Boden einer Bibliothek verbracht hat. Und weil eine Raum ohne Bücher wie ein Körper ohne Seele ist, ist auch das Handwerk des Buchbinders noch lange nicht perspektivlos.

Genau wie Meggies Vater Mo sind auch die Berufsgenossen der Buchbinderei Karen Begemann echte Bücherärzte. Seit über zwanzig Jahren zollen sie mit ihrer Arbeit einem jahrhundertealten Handwerk ihren Respekt. Die Räume der ehemaligen Maschinenfabrik im Karoviertel, in der die sieben Buchbinder ihr Unwesen treiben, werden dabei die vorrübergehende Heimat von allerlei Papier und Druckerschwärze: Vergessene Geschichten, die sich einen neuen Körper wünschen werden hier genauso versorgt wie wertvolle Unikate, die hier das Licht der Welt erblicken.

Schmied

Die Figur des Schmieds war seit dem Altertum stets von Mythen und Magie umgeben. In jahrtausendealten Texten ist von göttlichen Schmieden die Rede, im Mittelalter wurden Schmiede als Zauberer verehrt und in manchen Regionen Ostafrikas gehörte der Schmied lange Zeit zu einer dem sakralen Königtum gleichgestellten Gesellschaftsschicht. Schmiede sind Schöpfer und Zaubermeister zugleich; das Handwerk des Schmiedens ist eine nostalgische Erinnerung an Ritter, Rüstungen und längst vergangene Zeiten.

Die Wurzeln der Schmiede Lehmann gehen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Der flache Zweckbau in einem Hinterhof der Poolstraße ist von industriellem Charme und hanseatischer Romantik umgeben. Zwischen glühendem Eisen und einem metallischen Kling-Klong-Rhythmus entstehen hier in präziser, detailverlieber und kompromissloser Arbeit filigrane Muster und echte Kunstwerke. Meister Johannes Rienhoff und seine Schmiedejungs sind dabei wie geschaffen für ihre Tätigkeit: Brandnarben auf der Haut, rußgeschwärzte Hände und kräftige Arme haben sie geformt. Das Schmieden ist ihre Berufung.  

Dieser Artikel ist auf redaktioneller Ebene entstanden. 

Tabitha Wedemann

Nachdem Tabitha die letzten sieben Monate durch die Weltgeschichte gereist ist, hat sie jetzt ihren Weg zurück nach Hamburg gefunden, um ihrer Leidenschaft fürs Schreiben nachzugehen. Wenn sie nicht gerade in Cafés sitzt, Gedichte verfasst oder über Festivals tanzt, erkundet sie am liebsten all die besonderen Ecken ihrer Heimatstadt!